2. Nutzen und Grenzen von Weltbildern
Was lässt uns schwierige Zeiten bestehen? Es ist wohl vor allem unsere Resilienz- die Einheit von Festigkeit und Biegsamkeit – die Eigenschaft eines Bambushalmes im Wind.
Die Fähigkeit zur Resilienz gründet auf unserer Verwurzelung in unserem persönlichen Urgrund, der nur durch soziale, religiöse oder spirituelle Erfahrungen angelegt und durch entsprechende Praktiken vertieft werden kann.
Der zweite Aspekt der Resilienz ist eine geschmeidige Anpassung gegenüber den Herausforderungen der Welt, ohne jedoch die Verbindung zu unserem Urgrund zu verlieren. Der Erfolg dieser Anpassungen setzt ein gewisses Weltverständnis voraus, welches von unserem Verstand erarbeitet und gepflegt wird. Der Verstand benutzt Begriffe1, um die Welt zu ordnen. Die Gesamtheit der Begriffe und der mit ihnen verbundenen Ideen und Bedeutungen erzeugen in uns ein Modell von der Welt, welches durch neue Erkenntnisse permanent an die sich verändernde Wirklichkeit angepasst wird. Dieses Modell von der Welt, auch Weltbild genannt, ermöglicht die erforderliche schnelle Simulation von Szenarien und schnelle Entscheidungen in Standardsituationen.
Entscheidungen sollten möglichst im Einklang beider Aspekte der Resilienz getroffen werden. Die Kommunikation mit dem ersten Aspekt, der Verwurzelung, erfolgt über Empfindungen. 2
Die Struktur unseres Weltbildes wirkt jedoch immer auch als ein Filter, das Aspekte der Wirklichkeit ausblenden muss oder will. Erst die Fähigkeit zur Emanzipation vom eigenen Weltbild ermöglicht dessen Anpassungen, wie sie für den zweiten Aspekt der Resilienz erforderlich sind. Da das Weltbild nicht nur Gewissheiten, sondern auch Wahrschein-lichkeiten und Möglichkeiten integriert, ist es anfällig gegenüber subjektiven oder kollektiven Faktoren und systematischen Verfälschungen.
Die systematische Beschreibung und Pflege von kohärenten und praktisch anwendbaren Weltbildern ist Aufgabe der Philosophie. Traditionell lebt diese Wissenschaft vom Widerstreit der unterschiedlichen Beantwortung der Grundfrage der Philosophie, der Frage nach dem Primat der Weltentstehung und deren Entwicklungsdynamik.
Der
Materialismus geht vom Primat der Materie aus und definiert das
Bewusstsein als Produkt materieller Prozesse.
Er hat das
Problem, die Herkunft der Materie, der Naturgesetze und die
nicht-materielle Eigenschaft des Bewusstseins zu erklären. Vorteil
des Materialismus scheint zu sein, dass er mit Ausnahme der beiden
genannten Probleme gut an die Erkenntnisse der exakten Wissenschaften
und des profanen Lebens anbindet.
Der Idealismus in seiner konsequentesten Form3 definiert Materie als Form innerhalb eines universellen Bewusstseins und menschliches Bewusstsein als (unerkannte) Abspaltung vom universellen Bewusstsein (oder Gott). Der Idealismus hat es leichter, die Herkunft der Materie zu erklären4, muss aber auch mit dem Geheimnis des Ursprungs des Bewusstseins leben und mit der Frage, warum es den Menschen so schwer fällt, seine Abspaltung vom universellen Bewusstsein zu erkennen und aufzulösen. Hier kommt die Bedeutung von subjektiver spiritueller Erfahrung ins Spiel und der Bereich der Geisteswissenschaft muss verlassen werden.
Keine
der beiden Weltanschauungen kann das Rätsel unserer Herkunft
wissenschaftlich befriedigend lösen.
Allerdings bietet der
Idealismus mehr Freiheiten in der Bewertung von Lebenssituationen, da
er die mentalen und emotionalen Aspekte der Menschen besser
integrieren kann.
Im Kontext anzustrebender Resilienz scheint der Idealismus als Basis eines Weltbildes daher geeigneter als der Materialismus. Durch seine Berührungspunkte zur Religionsphilosophie lassen sich in einem idealistischen Weltbild Deutungen und Handlungsempfehlungen aus einer Vielzahl von Weltreligionen schöpfen, was bei deren Anwendung zur Verbesserung der Resilienz beiträgt. Dies gilt insbesondere für diejenigen, die sich nicht von Kirchen, Sekten oder Glaubensgemeinschaften verführen oder instrumentalisieren lassen.
Für die Analyse und Beschreibung von Weltbildern nutzt die Philosophie die Methoden der Ontologie. Diese erforscht die Grundstrukturen von „Wirklichkeit“ und „Möglichkeit“ auf der Basis von Ideen, die über Begriffe mitteilbar und überprüfbar werden. Sich diese Strukturen als statisch vorzustellen ist angesichts der dramatischen Dynamik der gegenwärtigen Welt kaum möglich. Der Ansatz dieses Buches ist daher die Anwendung prozess-ontologischer Methoden. Mit diesen wird beispielhaft ein idealistisches Weltbild entwickelt, dessen Anwendung anhand praktischer Beispiele gezeigt werden kann.
Ein großes Hindernis für die erfolgreiche Anwendung philosophischer Systeme in der Lebenspraxis ist das Festhalten am Anspruch einer vollständigen Welterklärung, die alle Fragen der menschlichen Existenz inklusive der Sinn-Frage umfasst. Dieser Anspruch ist aufzugeben. Die Untauglichkeit philosophischer Methoden zur Klärung der Sinn-Frage zeigt ein Blick auf das Werkzeug des Philosophierens: Das Denken. Dieses ist von der Wirklichkeit, auch wenn diese nicht metaphysisch, sondern rein physikalisch aufgefasst wird, in mindestens vierfacherHinsicht getrennt:
Unsere Sinne liefern Abbilder der Wirklichkeit, die nur einen Bruchteil der aktuell auf uns wirkenden Felder, Teilchen oder Wellen umfasst.
Unser Verstand speichert diese Sinneswahrnehmungen bruchstückhaft um diese als Ideen zu abstrahieren und Szenarien zu simulieren
Unser Verstand filtert, konstruiert und bewertet die Wahrnehmung nach Regeln, die genetisch bestimmt, frühkindlich geprägt und weitestgehend unbewusst sind.
Phänomene der Inneren Wahrnehmung (Gefühle) lassen sich oft nicht kausal von äußeren Reizen ableiten und nicht mit den Regeln der Naturwissenschaft beschreiben
Denken hat sich als Mittel zum Zweck der Ressourcenbeherrschung entwickelt. Erkenntnisse der gemeinsam geteilten Außenwelt lassen sich durch Kommunikation generalisieren und objektivieren. Der Sinn unseres Daseins aber kann offensichtlich durch Denken nicht erkannt werden.
Ein weiteres Problem der Philosophie, das sie mit allen Geisteswissenschaften und Human-Wissenschaften teilt, ist die Subjektivität des Forschungsgegenstandes. Ideen5 bevölkern nicht den Wirklichkeitsraum sondern den subjektiven und nur bedingt teilbaren Möglichkeitsraum. Dabei ist es nicht erheblich, ob man Ideen als Projektionen des menschlichen Gehirns ansieht oder ihnen eine eigenständige Existenz zugesteht. Die Komplexität des Möglichkeitsraumes, in dem Ideen mittels Wahrscheinlichkeiten und subjektiven Bewertungen verbunden sind, die wiederum vom individuellen menschlichen Denken und Handeln abhängen – also rekursiv wirken, macht überprüfbare Vorhersagen schwer.
Berücksichtigt
man die unendliche Komplexität und Vielschichtigkeit der
Wirklichkeit und gibt daraufhin den Anspruch auf vollständige
Erklärung der Welt auf, wird es einfacher. Eine begrenzte, aber
praktische Anwendung philosophischer Erkenntnisse wird möglich.
Durch den Verzicht auf eine vollständige Weltbeschreibung gelingt
es leichter, Schnitte durch die Wirklichkeit oder den Raum der
Möglichkeiten zu legen, um ausgewählte Aspekte entlang dieser
Schnitte zu betrachten.
Mit dieser Methode lassen sich viele
Teilerkenntnisse der Philosophiegeschichte widerspruchsfrei zur
Lösung praktischer ontologischer Aufgaben integrieren. Im Gegensatz
zu einem umfassenden philosophischen Theoriesystem gilt solch ein
ontologisches Modell nur als Werkzeug für definierte Anwendungen.
Die Chance einer Überprüfung der Modelleigenschaften wird dadurch
größer.
Diese Methode ähnelt dem Malen eines Bildes oder einer technischen Zeichnung in Begriffen. Niemand würde erwarten, dass ein Bild alle Aspekte der Wirklichkeit abbildet. Wir erfreuen uns an der emotionalen Wirkung des Bildes, wenn es sich um ein Kunstwerk handelt und an seiner Nützlichkeit, wenn es sich um eine technische Zeichnung handelt.
Eine
weitere Besonderheit des Philosophierens betrifft die
Qualitätseigenschaft von Ideen. Während sich in den exakten
Naturwissenschaften die Forschungsgegenstände quantifizieren und
mathematisch modellieren lassen, ist dies mit Qualitäten kaum
möglich. Auch mehrwertige Logikansätze können z. B. menschliche
Gefühle oder Bewusstsein nicht beschreiben. Ontologische Modelle
müssen sich aber auch nicht klassisch „beweisen“, sondern sich
in unser individuelles lebendiges Bild von der Welt integrieren
lassen. Im Unterschied zum Philosophiehörsaal gilt im Alltag: Es ist
gut, was plausibel ist und für den Anwender im entsprechenden Rahmen
funktioniert.
Trotzdem sind nicht beliebige ontologische
Modelle denkbar. Ausgehend von der Annahme, dass auch die komplexeste
Wirklichkeit oder sogar Möglichkeit kohärent sein muss (denn die
Welt, die wir wahrnehmen, erscheint uns als geordnet) muss ein guter
Schnitt durch diese Wirklichkeit auch hohe Anforderungen an Kohärenz
und Wirklichkeitsnähe erfüllen.
Philosophische Methoden bedienen sich der Sprache und versuchen, Ideen und Begriffe so zu verbinden, dass bei der Verwendung von Begriffen identische Ideen in allen Lesern aufgerufen werden. Das ist bei abstrakten Begriffen von Qualitäten oft schwer. Auch Definitionen sind nicht immer zielführend. Immer wieder wird es also auch in diesem Text darum gehen, sich den relevanten Begriffen dieser Prozessontologie mit allen unseren inneren Sinnen zu nähern und eine verbleibende Unschärfe zuzulassen. Wenn das Modell eine gute Abbildung der Wirklichkeit liefert, werden sich bei Anwendung des Modells durch den Nutzer die Ideen, die den Begriffen zu Grunde liegen, weiter konkretisieren, gegenseitig schärfen und lebendig werden.
In diesem Buch wird kein fertiges Modell einer Prozessontologie beschrieben, sondern beispielhaft Schritt für Schritt auf Basis weniger Postulate eine Beschreibung grundlegender Prozesse und der durch sie entstehenden Instanzen und Reiche entwickelt. Anhand von Anwendungsbeispielen wird die Plausibilität des Modells überprüft. Philosophische Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Ziel dieses Buches ist es auch, den Leser zu selbständigem philosophischen Denken anzuregen und zu ermutigen, eigene Erkenntnisse für die Vorbereitung seiner Handlungen anzuwenden. Doch nur in der Vorbereitung des Handelns liegt der Nutzen des Denkens. Zum Genuss der Früchte unseres Handelns ist es hinderlich. Es wird am Ende auf unsere Fähigkeit ankommen, das Werkzeug des Denkens beiseite zu legen, um das Leben zu feiern. In diesem Kontext dient dieses Buch neben der Handlungsorientierung auch der Befriedung des Verstandes. Es gleicht den Fischen, die man seinen Schlittenhunden am Ende der Reise hinwirft, um ungestört in sein Haus eintreten zu können. In der Tür sieht man sich um und stellt fest, dass die Hunde trotz des einsetzenden Regens ihren Frieden gefunden haben.
1 Philosophie wird in diesem Buch als Wissenschaft der Begriffe verstanden. Zur verwendeten Begriffsmatrix siehe Kapitel 24.
2 Einschübe und Beispiele sind im Text grau hinterlegt
3 Dies entspricht der theologischen Idee des „Panentheismus“
4 Zum Beispiel im vorliegenden Buch
5 Begriffe sind Symbole oder Namen von Ideen