3. Das Prozessmodell als Ordnung der Bewegung
„Existenz“ und „Prozess“ sind zwei grundlegende Kategorien der Philosophie. Die Objekte der Existenz besitzen Substanz, statische Strukturen und sind gegeneinander abgegrenzt. Sie sind daher leicht zu analysieren. Prozesse verändern die Zustände der Objekte der Existenz und bilden dynamische Strukturen. Die Arbeit des Menschen besteht in der Regel darin, Prozesse zu betreiben, um die Objekte der Existenz in seinem Sinne zu nutzen oder zu verändern.
Die Standardmethode der Ontologie abstrahiert die statischen Eigenschaften der Objekte und konstruiert aus den gewonnenen Kategorien eine kohärente Systemtheorie. Die Prozessontologie hingegen benutzt dynamische Kriterien zur Beschreibung ihres Gegenstandes. Erst prozessuale Selbstbezüge erzeugen statische Elemente innerhalb des dynamischen Prozessmodells, die einen „substanzähnlichen“ Charakter tragen1. Das Ergebnis der Methode der Prozessontologie ist ein Modell der betrachteten Prozessdynamik in Abgrenzung zu über- oder untergeordneten Prozessen bzw. Nachbarprozessen.
Mit
dem prozessorientierten Blick auf die Welt werden Kausalitäten
sichtbar, welche ineinander gestaffelte Sphären schaffen, in denen
jeweils gleichartige Regeln gelten. In diesem Buch nennen wir diese
Sphären „Reiche“. Die Regeln der Reiche definieren die Qualität
der in ihnen existierenden Teilprozesse bzw. quasi-statischen
Objekte.
Sie bestimmen, ob diese Objekte physikalisch sind,
Naturgesetze, Personen, Normen einer Gemeinschaft oder Institutionen
einer Gesellschaft.
Wie aber gehen die Reiche auseinander hervor und wie entsteht die spezifische Qualität ihrer Elemente? Dieses Buch versucht, darauf eine Antwort zu finden. Die logische (nicht notwendigerweise zeitliche) Kausalität der Zusammen-hänge zwischen den Reichen wird in dem hier entworfenen Prozessmodell aus den Qualitäten von Zahlen ableitet. Dazu wird die Methode der Dialektik so erweitert, dass sich eine logische Verkettung von sieben Reichen darstellen lässt. Es entsteht ein Gerüst aus allgemeingültigen Instanzen2, an denen entlang die eigentlichen Prozesse im Sinne der Veränderung von Objekten ablaufen.
Was die Qualität der Substanzen in den Reichen betrifft, geht dieses Prozessmodell von einer Binnendifferenzierung des SEINs als Super-Kategorie aus. Das bedeutet, die Eigenschaften aller Substanzen und Objekte sind in einem undifferenzierten SEIN potentiell vorhanden und verwirklichen sich stufenweise in den Reichen. Das SEIN muss man sich entsprechend des gewählten idealistischen Ansatzes als Bewusstsein vorstellen, in dem die Reiche der Welt entstehen3.
Welcher
Prozess ist aber universell genug, um als Inspiration für die
erforderlichen Kategorien zu dienen? Wo lassen sich die Inhalte und
Regeln der einzelnen Reiche ableiten um diese zu einem „Superprozess“
aller Reiche verbinden? Als Menschen haben wir keine andere Wahl, als
uns Menschen und unser Leben selbst als diesen „Superprozess“
zu
begreifen. Die Kategorien unseres Prozessmodells sind daher die
Kategorien des „werdenden“ Menschen im psychologischen und
sozialen Sinne. Die überraschende Erkenntnis bei der Ausarbeitung
dieses Modells war, dass sich die gefundenen psychologischen
Kategorien auf den Menschen wie auch auf eine metaphysische
Beschreibung des „Werdens“
der Welt anwenden lassen. Bei der Beschreibung der Reiche und ihrer
Entstehung werden darum die einzuführenden Begriffe synonym mit
sprachlichen Bildern aus der Metaphysik wie aus der Psychologie und
Soziologie illustriert. Die Einheit von Mikrokosmos und Makrokosmos
wird in unserem Prozessmodel also sichtbar.
Der Antrieb der Prozessdynamik entspringt nach dem idealistisch orientierten Modell dieses Buches dem „Überfließen“ des SEINS, das zur Bildung von Formen, von Widersprüchen und zu deren Konkretisierung in differenzierten Subreichen führt. In der Gegenrichtung führt die Reintegration der entstandenen Formen zurück zum selbstbewussten SEIN, indem die Ergebnisse der Differenzierung aufbewahrt und aufgehoben sind, soweit sie sich harmonisch integrieren lassen.
Materialisten, für die metaphysische Reiche nicht existieren, kommen mit den Thesen dieses Buches auch zurecht, wenn sie sich alle metaphysischen Qualitäten im Rahmen dieses Modells als Projektionen im Rahmen psychischer Prozesse vorstellen4.
Die Eigenschaften der Prozessphasen lassen sich im Modell von der Qualität der betroffenen „Reiche“ und deren inneren Instanzen ableiten und mit den Eigenschaften der vor- und nachgelagerten Reiche verbinden. Nach dieser Methode werden in den folgenden Kapiteln aus der Superkategorie des SEINs die folgenden sieben Reiche entwickelt:
Das Reich der EXISTENZ (Kapitel 6) beschreibt die Struktur der EXISTENZ als Dreiklang von Werden, Vergehen und Bleiben.
Das Reich der PERSONALITÄT (Kapitel 7) beschreibt die Beziehungen zwischen Personen als Triade von Mutterschaft, Vaterschaft und Kindschaft.
Im Reich der REGELN (Kapitel 8) definieren Personen die Naturgesetze bzw. ihre eigene Bestimmung aus der Synthese von Subjekt und Objekt5.
Das Reich der RESSOURCEN (Kapitel 9) beschreibt den Menschen als biologisches Wesen und als Teil einer Familie.
Das Reich der GEMEINSCHAFT (Kapitel 10) beschreibt, wie Menschen die Widersprüche zwischen Individuen und der GEMEINSCHAFT lösen. Der Mensch tritt als soziales Wesen auf.
Das Reich der GESELLSCHAFT (Kapitel 11) beschreibt, wie die drei relevanten Formen von Institutionen organisiert sind. Der Mensch ist hier Teil einer Institution.
Das Reich des FELDES (Kapitel 12) beschreibt, wie Institutionen miteinander verkehren. Der Mensch tritt als Vertreter einer Institution auf.
1 im Modell dieses Buches z.B. Instanzen und Reiche
2 Auf der Ebene der Metaphysik entsprechen die Instanzen den Reichen
3 Im metaphysischen Sinn würde das SEIN Gott entsprechen, im psychologischen Sinn dem formlosen Bewusstsein des Menschen
4 Siehe auch Kap. 16
5 Die Person wird zum Objekt ihrer selbst und Anderer