1. 4. Die Qualität von Zahlen

Denn alle natürlichen Dinge in unserer Welt bestehen nur durch Zahl, Maß, Harmonie“ - Agrippa von Nettesheim

Bevor wir die Reiche des Prozessmodells entwickeln, ist es erforderlich, einen Blick auf die qualitativen Eigenschaften von Zahlen zu werfen. Diese Betrachtungen scheinen banal zu sein, machen uns jedoch mit essentiellen logischen Elementen unseres Prozessmodelles vertraut, die seine grundlegende Struktur bilden. Der Begriff der Zahl wird heute fast ausschließlich quantitativ verwandt. Er steht für die Idee einer zählbaren Menge von abgeschlossenen Objekten. In Weiterentwicklung der Zählung entstand die Messung als Vergleich von Größen eines definierten Maßes (Längenmaß, Gewichtsmaß, Zeitmaß…) mit den Größen von Objekten. Die Mathematik ist die Wissenschaft der Zahlen in ihrer quantitativen Bedeutung.
Zahlen besitzen jedoch auch qualitative Eigenschaften, die den quantitativen Eigenschaften vorgeordnet sind. Die Grundlage jeder Struktur ist die Geometrie. Schönheit, aber auch alle Eigenschaften von Substanzen basieren auf den qualitativen Eigenschaften von Zahlen in ihrer Ausprägung im Reich der Physik und Chemie. Auch Musik besteht ausschließlich aus Zahlen und deren Verhältnissen, die sich sinnlich direkt erfahren lassen. Es geht also nicht wie in der Vulgärnumerologie um die Bedeutung der Hausnummer für unser Liebesleben, sondern um eine Annäherung an die universellen inhärenten Qualitätswerte der Zahlen.

Wer meint, die Bedeutung einfacher ganzer Zahlen sei vollständig quantitativ erklärbar, lasse sich von einem Mathematiker die Unterschiede zwischen dem Zweikörperproblem mit dem Dreikörperproblem erklären oder stelle sich unsere Welt mit vier Raumdimensionen vor.

Die Eins

Die qualitativen Aspekte der „1“ sind offensichtlich. Die „1“ steht für „Einheit“ im statischen Sinne und für „Ursprung“ im dynamischen Kontext. Wenn man etwas tiefer schaut, symbolisiert sie aber auch die Grenze
zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos, denn die gesamte Zahlenwelt oberhalb der „1“ ist als Bruch innerhalb der „1“ nochmals enthalten. Man kann von einer Abbildung der Außenwelt innerhalb der Innenwelt sprechen. Die „1“ repräsentiert mit diesen Eigenschaften auch gut die menschliche Individualität und Abgeschlossenheit und nach religiösem Verständnis die Einheit des transzendenten und immanenten Gottes im Individuum. Die Unendlichkeit wäre auf der Seite des Makrokosmos (über dem Bruchstrich) und auf der Seite des Mikrokosmos (unter dem Bruchstrich) vorhanden und schließt gleichsam den Zirkel um die Welt.

Man sieht, die „1“ eignet sich schon als einfaches Modell der Welt mit Außenraum und Innenraum, die sich im Unendlichen begegnen und mit der Möglichkeit, mit weiteren „Einsen“ zu interagieren. Wer an diesem Gedankenspiel nicht ein wenig Freude hat, sollte hier aufhören zu lesen, denn das Denken in Entsprechungen ist eine grundlegende Methode dieses Buches.

Die qualitativen Implikationen der „1“ im Kontext naturwissenschaftlicher, insbesondere mathematischer Anwendungen (z. B. Eulersche Identität), eröffnen eine Vielfalt von Bedeutungen.

Aus prozessontologischer Sicht besonders relevant ist die Qualität der Zahl „1“ als Ursprung. Intuitiv fassen wir intrinsische Entwicklung als Differenzierung auf und sehen in einer Rückschau eine wie auch immer geartete Einheit als Quelle. Nach diesem Denkmodell ist „Entwicklung“ logischerweise eine Binnendifferenzierung innerhalb einer Einheit.

Auch die Evolutionstheorie ist eine Theorie der Differenzierung. Die Theorie dieses Buches postuliert zusätzlich Rückkopplungen, die sprunghaft zu neuen Formen und Problemlösungen führen, welche nicht rein zufällig sind, sondern sich aus der Qualität der Probleme (Art des Leidensdrucks) ergeben. Siehe dazu „Inversion“ im Kap.13

Auf kosmologischer Ebene bedeutet ein Differenzierungsmodell, dass der Urknall als „Implosion“ betrachtet werden muss. Neueste Theorien gehen in der Tat davon aus, dass das Universum seit dem Urknall darum scheinbar expandiert, weil sich die grundlegenden Naturkonstanten des Raumes, der Felder und der Zeit mit dem Grad der Ausdehnung ändern – eben nicht konstant sind. Der für die Ausdehnung erforderliche Raum zwischen den Strukturen entsteht erst mit der Ausdehnung.

Auch in monotheistischen metaphysischen Modellen wird man einem Schöpfergott am besten gerecht, wenn man ihn die Welt in sich selbst schaffen lässt. Eine „Umgebung“ Gottes oder gar „Widersacher“ wären dann unnötig und die Immanenz Gottes in der Welt wäre dadurch selbstverständlich begründet.

Die Embryonalentwicklung, die Gehirnentwicklung oder das Wachstum einer Firma folgen ebenso der Idee einer Binnendifferenzierung. Die Komplexität entfaltet sich innerhalb der Einheit des Ursprungs.

Diese Betrachtungen zeigen uns, dass in Differenzierungsmodellen der Innen-Außen Beziehung eine große Bedeutung zukommt. Viele Machtbeziehungen begründen sich allein durch die Besetzung von relevanten Innen- bzw. Außenpositionen.

Die Macht des Patriachats entsteht bei äußerer Bedrohung oder im Kampf um begrenzte Ressourcen durch die Dominanz der Außenwelt (der Familie) und die biologisch vorteilhafte Besetzung der Außen-Position durch den Mann. Ohne Bedrohungsszenarien geht diese Machtposition an die Frau über, die biologisch begründet die sichere Innenposition repräsentiert. Wer mag, kann diese Effekte auch auf der politischen Bühne beobachten.


Die Zwei

Nach den o.g. Ausführungen scheint die Polarität von Innen und Außen die Dualität und damit die Bedeutung der „2“ zu begründen. In dem hier betrachteten Differenzierungsmodell können diese Polaritäten jedoch nicht als Dualität im Sinne dialektischer Widersprüche aufgefasst werden, da sowohl eine gemeinsame übergeordnete Kategorie als auch die Option einer Synthese fehlt1. Die Beziehungen zwischen Innen und außen sind daher „vertikal“ als Achse anzuordnen, während sich dialektische Widersprüche quer zu den beiden Polen aufspannen

. Die dynamische Grundstruktur unseres Modells wäre also folgendes Kreuz oder Koordinatensystem:

Es ist zu beachten, dass der Prozess der Binnendifferenzierung primär nach innen gerichtet ist.

Ganze Philosophieschulen (Dualismus) gründen sich auf die Dualität ausgewählter Begriffspaare. Aus Sicht der Numerologie ist es unverständlich, Theorien wie Monismus oder Dualismus aufzustellen, da die Qualität der folgenden Ziffern, insbesondere der weiteren Primzahlen, ebenso einzigartig ist. Auch sollten wir bei der Kombination von „Einsen“ zur „2“ nicht vergessen, dass jede „1“ ihre „Innenwelt“ als potentielle Binnendifferenzierung in die Kombination einbringt.

In unserem Modell dynamischer Differenzierungsprozesse, wo jeder weitere Schritt kausal (nicht zwangsweise zeitlich) einem ersten folgt, tritt das Wesen der „2“ vor allem als Gegenentwurf auf: Als Begrenzung, Kritik, Widerspruch oder Bedingung.

Die “2“ schafft im Sinne der klassischen Dialektik Polarität und Spannungsfelder, verbindet aber beide Pole auf engste, weil durch die gemeinsame Wurzel jeder Pol vollständig auf den anderen bezogen ist, ohne dass es einen dritten Pol gibt. Die Auflösung der Widersprüche zwischen beiden Polen ist prinzipiell auf drei Wegen möglich:

1. Balance: Beide Pole bilden sich ergänzende Teile einer Einheit. Die widersprüchlichen Inhalte liegen auf der gleichen Ebene. Ein Vergleich erfolgt nach identischen Maßstäben und erlaubt eine „subtraktive“ Lösung bzw. Balance. Es verbleibt kein Konflikt.

Ehepartner fassen sich als Vermögensgemeinschaft gleichwertiger Partner auf und vereinbaren im Alltag eine entsprechende Rechte-Pflichten Verteilung


2. Projektion: Die widersprüchlichen Eigenschaften der Polarität basieren auf unterschiedlichen Qualitäten und können sich innerhalb der verbindenden Einheit nicht ausbalancieren. Alle theoretischen Lösungsmöglichkeiten werden in ein zweidimensionales Wahrscheinlichkeitsfeld projiziert, welches als eine eigene Instanz einen dritten Pol bildet. Dieses Feld kann man sich als Quadranten eines Koordinatensystems mit senkrecht zueinander stehenden Vektoren vorstellen, wobei jede Achse eine der beiden Skalen des Grundwiderspruchs repräsentiert. In der Fläche des Quadranten sind als Lösung beliebige Positionen denkbar. Im Unterschied zur klassischen Dialektik repräsentiert der dritte Pol als eigene Kategorie in diesem Prozessmodell weder die Synthese der Widersprüche noch die These eines abgeleiteten Widerspruches. Der dritte Pol trägt als unbestimmtes Feld von Möglichkeiten die Spannung des ungelösten Widerspruches noch in sich.

Ehepartner begreifen sich als Frau und Mann und erkennen bei aller Liebe die prinzipielle Unvereinbarkeit ihrer Grundsätze. Der dritte Pol und die potentielle Lösung dieses Konfliktes ist das Kind. Dieses stellt mit seinem Erscheinen keine Synthese des Konfliktes dar, sondern erzeugt ein unbestimmtes Lösungsfeld, das die Konkretisierung des in ihm angelegten Konfliktes in weiteren Schritten nach eigenen Regeln erfordert.

3. Inversion: Der Widerspruch der „2“ lässt sich im Rahmen einer Projektion2 nicht lösen. Die Voraussetzungen zur Entstehung des Widerspruchs müssen verändert werden. Diese liegen in dieser numerologischen Betrachtung in der Qualität der „1“ 3

Ehepartner stellen ihre individuellen Ansprüche zu Gunsten der Vorteile der Beziehung zurück. Wenn dies nicht gelingt, lösen sie ihre Beziehung auf oder gestalten sie grundsätzlich um.

Die Drei, die Vier und das Viele

Von den drei o. g. Optionen für die Lösung von inhärenten Widersprüchen ist aus prozesstechnischer Sicht die Projektion ursächlich für die Erzeugung von Sub-Reichen. Die Qualität des entstehenden unbestimmten Lösungsfeldes wird durch die numerologische Qualität der Zahl „3“ beschrieben.

Die „Projektion“ erfordert wie oben beschrieben eine Multiplikation der beiden Vektoren A und B. Geometrisch betrachtet stehen die Vektoren des Widerspruches senkrecht aufeinander und lösen den Widerspruch durch eine Fläche in der zweiten Dimension, die das Lösungsfeld repräsentiert.:
Beispiel: A x B entsprechend 5 x 3 = 15. Das entstehende Feld liefert eine quantitative, jedoch keine qualitative Lösung des Widerspruchs. Im Gegensatz zu den Lösungsoptionen 1 und 3 ist bei der „Projektion“ mit dem dritten Schritt der Prozess nicht am Ende, denn der gefundene Kompromiss hat einen Preis: Beide Vektoren mussten sich aus der Eindimensionalität in eine Fläche verdrehen, um ein Lösungsfeld möglich zu machen. Diese „Spannung“ will sich auflösen. Das gelingt geometrisch durch eine Spiegelung der Dreiheit nach außen (im Sinne der Binnen-differenzierung nach innen) in eine weitere (sekundäre) Triade – eine weiteres Reich, das in einem Modell mit dem Ansatz einer Binnen-Differenzierung Sub-Welt Charakter besitzt.

Eine Sub-Welt grenzt sich gegenüber der übergeordneten Meta-Welt durch vereinbarte einschränkende Regeln für die in der Sub-Welt agierenden Wesen oder Personen ab. Jedes Spiel z.B. eröffnet auf diese Weise eigene eine Sub-Welt. Alle in der Sub-Welt agierenden Spieler besitzen eine doppelte Existenzform: Die der Meta-Welt und die der Sub-Welt. Der Grad der Balance der Identifikation mit den beiden Welten während des Spiels ist von großer Bedeutung für die Resilienz in der Sub-Welt. In der Sub-Welt vorgenommene Handlungen wirken mehr oder weniger auf die Meta-Welt zurück, wo wir den agierenden Personen ja außerhalb des Spiels wieder begegnen.

Doch gehen wir nochmal einen Schritt zurück: Nur auf den ersten Blick scheint die Lösung eines dialektischen Widerspruchs die Synthese zu sein. Eine Synthese von dialektischen Widersprüchen gleicht eher einer Multiplikationsaufgabe. Die Multiplikation von 3 Äpfeln und 5 Birnen spannt ein Feld von 15 Feldern auf – doch es bleibt unbestimmt, auf welchem Feld Äpfel bzw. Birnen liegen! Die Mathematik übergeht dieses Thema, indem die Einheiten einfach einzeln hinter das numerische Ergebnis geschrieben werden (5a x 3b = 15ab), ohne dass die Operation der Multiplikation mit den Einheiten durchgeführt werden kann. Qualitativ gibt es also kein bestimmtes Ergebnis.

Dieses Bild aus der quantitativen Zahlenlehre illustriert, dass die Synthese aus zwei unterschiedlichen Qualitäten qualitativ unbestimmt ist. Wenn man die unterschiedliche Stärke der senkrecht zueinander wirkenden Qualitäten als Vektoren sehen will, kann man von einem Wahrscheinlichkeitsfeld möglicher Lösungen sprechen.

Auch in der Freud’schen Triebtheorie ist die Projektion eine Option zur Lösung eines inhärenten Widerspruchs. Das primäre Motivationssystem bestünde in der Triade des Widerspruchs:
1.Trieb (ES) – 2. Hemmung (ÜBER-ICH) – 3. Lösungsmöglichkeiten des (ICH), während im sekundären Volitionssystem4 die Entscheidung getroffen und die Handlung geplant wird. Die primäre Triebqualität bei Freud ist der libidinöse Trieb. Eine Triebhemmung erzeugt ein Feld von alternativen Energieflüssen, das durch den Zwang entsteht, das Objekt des Triebes vorübergehend zu verändern. Das Ersatzobjekt ist jedoch nicht im ursprünglichen libidinösen Trieb angelegt, sondern ergibt sich erst aus den Erfordernissen und Möglichkeiten der Außenwelt: Hirsche kämpfen um die Weibchen, Vögel bauen Nester, Menschen gehen Beziehungen in der Arbeitswelt ein oder schaffen Kunstwerke – um letztendlich die libidinöse Energie in die beabsichtigte Bahn der Partnerschaft fließen zu lassen.

Die Selektion einer Lösung aus dem Wahrscheinlichkeitsfeld der Phase „3“erfolgt nach dem Prozess-Modell dieses Buches erst in der Phase „4“ des Prozesses als These der nächsten Triade. Die Prozess-Phasen „5“ und „6“ entsprechen dann den Qualitäten der „2“ und „3“ in der Sub-Welt dieser Triade. In jeder Triade bzw. Sub-Welt widerholen sich die Qualitäten der 1-3 im Kontext der Qualität der entsprechenden Subwelt.

Der Abgrund zwischen „3“ und „4“:

Zwischen der primären Triade, in welcher der Widerspruch seinen Ursprung hatte und der sekundären Triade, in welcher der Widerspruch konkretisiert wird, besteht eine quantitative „energetische“ jedoch keine kausale logische Verbindung, da die sekundäre Triade nach eigenen Gesetzen organisiert ist. Die sekundäre Triade verhält sich zur primären Triade wie eine Antwort von vielen zu einer Frage. Dazwischen befindet sich ein Abgrund, der nur mit Kriterien der Unbestimmtheit wie Freiheit, Entschluss, Wahrscheinlichkeit auszuloten ist. Die Besonderheit des „Sprungs“ der Phase „3“ zur „4“ besteht in der Irreversibilität des Übergangs des Prozesses in die Sub-Welt einer sekundären Triade, in der die „4“ die Rolle der „1“, d.h. der These spielt. Dieser Sprung wird in der Regel durch Entscheidungen ausgelöst und lässt die aufgestaute Widerspruchsenergie in der Sub-Welt der sekundären Triade fließen und dort Fakten schaffen.

Die Entscheidung (Phase 4) für eine Partnerschaft, einen Beruf oder eine Reise setzt Planungsprozesse (Phase 5) in Gang, die die bisher durchgeführten Abwäge-Prozesse der vorgelagerten Triade ablösen.

Die Irreversibilität des Überganges zwischen „3“ und „4“ ist der Taktgeber für die Gerichtetheit von Prozessen, die im Reich der RESSOURCEN als Gerichtetheit der Zeit auftritt. D.h. die Selektion einer Lösung aus der Vielzahl der Möglichkeiten wird in Phase „4“ unumkehrbar. Ein Rückweg im Sinn eines „ungeschehen Machens“ ist nicht möglich. Korrekturen erfolgen ggf. durch veränderte neue Entscheidungen, die aber immer unter Berücksichtigung der Resultate der ersten Entscheidung erfolgen.

Nach der Selektion (Phase 4) einer Lösung aus dem Lösungsfeld (Phase 3) in der sekundären Triade entsteht die Antithese (Phase 5) welche die in dieser Triade getroffene Entscheidung auf das äußere Ziel orientiert und sie mit den Widerständen der Umsetzung konfrontiert. Die Phase „6“ spannt das Lösungsfeld nach den Regeln der sekundären Triade auf.

Während in unserem psychologischen Beispiel die primäre Triade die Aspekte der Motivation beschreibt, steht die sekundäre Triade für die Volition, welche die Handlungsoption entscheidet und die Handlung plant. Im Kontakt mit den Gegebenheiten des Umfeldes der Handlung – sei dieses ein materielles oder soziales Umfeld – kommt es zu einer weiteren Irreversibilität, die den Übergang zu einer weiteren Triade ausmacht. Ein Versprechen z. B. gelangt nur dann zur Gültigkeit, wenn es der Empfänger auch gehört hat. Im Lösungsfeld der „6“ werden alle Handlungsvarianten, Abbruch-Szenarien und Reaktionen des Umfelds als Möglichkeit präsent gehalten. Es erfolgt noch keine Tat und keine Wirkung der Tat. Vorher ist der Abgrund zur nächsten Triade mit den Phasen 7-8-9 zu überwinden.

Der Akt der Tat erfolgt dann in unserem Beispiel in der Phase „7“ als „1“ der dritten Triade: Der sozialen oder physikalischen Umwelt der Handlung.

Auf diese Weise wird die Unbestimmtheit des primären Widerspruchs jeweils in der folgenden Triade bzw. Sub-Welt nach deren Regeln konkretisiert aber noch nicht aufgehoben. Die verbleibende Dysbalance und Unbestimmtheit wird in einer weiteren Triade konkretisiert. Die finale Aufhebung des Widerspruchs erfolgt erst durch Inversion – siehe dazu Kap.13

Wer Probleme damit hat, elementaren Ziffern die o.g. Qualitäten zuzuordnen, stelle sich eine einsame Insel mit einem Menschen vor: Seine Bindungskräfte (Valenzen) sind vollständig frei. Kommt ein weiterer Mensch auf die Insel, verdoppelt sich bei einer quantitativen Betrachtung das Bindungspotential. Qualitativ werden aber alle Valenzen der ersten Person vollständig von der zweiten Person gebunden. Zusätzlich werden alle Valenzen der zweiten Person von der ersten Person gebunden. Diese Paarbindung ist sehr stark und bipolar aber nicht zwangsweise harmonisch. Mit der dritten Person ändert sich quantitativ wenig, qualitativ aber wieder alles. Es sind drei unterschiedliche Arten der Paarbildung möglich, die jeweils eine Person ausschließen. Diese Konstellation erzeugt eine enge Bindung zwischen den drei Menschen, die aber im Gegensatz zur Paarbindung instabil und spannungsgeladen ist, da die jeweils allein bleibende Person alle Valenzen zur Störung der Paarbindung der anderen beiden Personen einsetzen kann. Die zwischen drei Personen erreichbare Stabilität ist eine dynamische Balance und entspricht unserem unbestimmten Lösungsfeld der „3“. Eine vierte Person ermöglicht 6 Varianten von Paarbildungen, nach deren Selektion und Realisierung alle Valenzen gebunden sind und das System ohne freie Energien wieder stabil ist.



Mit den beschriebenen numerologisch abgeleiteten Regeln lässt sich ein Prozessmodell verketteter Reiche aufbauen. Jedes Reich wird darin von einer Triade aus These, Antithese und Lösungsfeld definiert, wobei das Lösungsfeld jeweils als Qualität der „3“ ein unbestimmtes Feld von Lösungsmöglichkeiten des Grundwiderspruchs liefert. In der folgenden Triade wird dieser Widerspruch nach den Regeln des nächsten Reiches konkretisiert. Es entsteht auf diese Weise eine Verkettung von ineinander geschachtelten Reichen.

Wenn man diese Kette mit den universellsten Qualitäten des Bewusstseins beginnen lässt und diese Stufe für Stufe zu konkreteren Qualitäten verdichtet, kann eine logische und dynamische Verbindung zwischen „himmlischen“ und „irdischen“ Reichen konstruiert werden, die in einem religiösen Kontext als „Himmelsleiter“ beschrieben werden könnte. Die Position eines Wesens auf den Sprossen dieser Leiter und damit in den Reichen geschieht über seine Identifikationen mit den Qualitäten der jeweiligen Reiche. Ursache starker Identifikationen sind geschlossene Energieflüsse auf der Ebene eines Reiches, die durch Austauschprozesse auf Ebene des jeweiligen Reiches entstehen.

Die folgenden Kapitel entwickeln nach diesem Prinzip sieben Reiche, die sich zwischen dem formlosen Bewusstsein und den Feldern seiner Binnendifferenzierung aufspannen und deren Zusammenwirken wir als „Welt“ wahrnehmen. Zur Bezeichnung der Qualität der Triadenelemente der entsprechenden Reiche werden Begriffe eingeführt, die im umgangssprachlichen Kontext evtl. abweichende Bedeutungen haben. Sie sind jedoch so gewählt, dass sie inhaltlich sehr eng an ihrer Alltagsbedeutung zu interpretieren sind. Zu Gunsten einer besseren Lesbarkeit sind die Definitionen der Prämissen, ihre logischen Verknüpfungen und die Illustrationen der entstehenden Strukturen im folgenden Text gemischt.

Aus dem numerologischen Ansatz verbundener Triaden ergeben sich in unserem Modell folgende gemeinsame Eigenschaften der entstehenden sieben Reiche:

  1. Jedes der sieben Reiche wird durch eine Triade von drei Phasen definiert, die dem betreffenden Reich den wesentlichen Widerspruch dieser Systemebene verleiht. Der Widerspruch zwischen Phase „1“ und „2“ erzeugt ein unbestimmtes Lösungsfeld „3“, das in der jeweils untergeordneten Triade konkretisiert wird. Durch dieses Prinzip sind die Reiche miteinander verkettet.

  2. Die jeweils sekundäre Triade hat Subweltcharakter gegenüber der primären Triade

  3. Die jeweils sekundäre Triade schärft Formen der primären Triade durch Selektion von Möglichkeiten der Konkretisierung

  4. Die sekundäre Triade hat die Qualität einer Begrenzung gegenüber der primären Triade. Die Unbestimmtheit nimmt zunächst ab und erst in sozialen Reichen trotz zunehmender Konkretheit wieder zu.

  5. Da sich der Prozess der Differenzierung und sich bildender Selbstbezüge innerhalb des absoluten Bewusstseins des SEINs abspielt, ist Bewusstsein und Leben allen Reichen immanent.



Bewusstsein entsteht in diesem Modell nicht durch die Komplexität der Gehirnstruktur, wie in materialistischen Anschauungen vorausgesetzt wird. Leben entsteht in diesem Modell nicht erst als ein durch Informationen gesteuertes Fließgleichgewicht von Materie. Bewusstsein kann sich selbst bewusst sein, ohne sich abbilden zu müssen. Die Identifikation mit der geschlossenen Form eines Selbstbildes (dem ICH) ist nicht der höchste Wert unserer Welt, sondern ihr Drama.

In unserem Modell werden zwei Arten von Bildern unterschieden: Ein Abbild ist die Form der Grenze, die als Schnitt einer Form mit seiner Umgebung in der Dimension „n“ auf der Dimension „n-1“ erscheint.

Beispiel: Das Abbild einer 3-dimensionalen Kugel ist die 2-dimensionale Kugeloberfläche, gekrümmt in der für die Fläche „imaginären“ dritten Dimension. Die Krümmung in der imaginären Dimension verursacht die Tendenz zur Transzendenz, die Abbildern eigen ist.

Abbilder entstehen nach diesem Modell systematisch bei der Herausbildung von Subreichen aus einem vorgelagerten Reich. Jedes Subreich ist gegenüber dem übergeordneten Reich ein Abbild in einer niedrigeren „Dimension“5. Auch der Akt des Sehens als Selektion einer Oberfläche erzeugt solche Abbilder der 3-dimensionalen Welt. Die dazu gehörenden 3-dimensionalen Urbilder werden vom Denksinn simuliert und existieren unabhängig vom Denksinn natürlich auch.

Urbilder sind dementsprechend die Formen, die im übergeordneten Reich eines Abbildes existieren, wie die Kugel als Urbild ihrer sichtbaren Oberfläche. Die Betrachtungsrichtung entscheidet demnach, ob wir es mit Abbildern oder Urbildern zu tu haben. Die Schatten an der Wand von Platons Höhle wären also Abbilder unserer menschliche Form, die Gestalten außerhalb der Höhle unsere Urbilder.

Im Unterschied zu einer Abbildungsfunktion erzeugt das hier vorgestellte Modell einen definierten Schnitt durch die Form der Welt. Die Lage des Schnittes entspricht dem als numerologisch gewählten Betrachtungsaspekt unseres Prozessmodells. Das Ergebnis ist ein inneres Bild der Welt entlang des gewählten Schnittes – vergleichbar mit einer Schnittfläche, die in einer gewählten Ebene eine Kugel durchschneidet.



1 Nach diesem Ansatz ist weder der Widerspruch zwischen Knospe und Blüte noch der zwischen der ausgebeuteten und revolutionären Arbeiterklasse als dialektisch aufzufassen – beides sind in diesem Modell „vertikale“ Differenzierungsstufen

2 über den Pfad der 3 bis 6, siehe unten

3 Im Prozessmodell der 7 Reiche wird eine Änderung im jeweils vorgelagerten Reich erzwungen (siehe
Kapitel 13). Auch die Projektion führt letztendlich zur Inversion auf dem passiven dynamischen Pfad

4 Volition beschreibt Prozesse, die mit der konkreten Realisierung von Zielen im Handeln zu tun haben

5 Der Begriff Dimension ist hier nicht geometrisch zu verstehen. Die geometrische Dimensionalität ist ein Abbild der hier gemeinten Dimensionalität

3. Das Prozessmodell als Ordnung der Bewegung 5. Das SEIN