5. Das SEIN
Bei der Beschreibung der sieben Reiche dieses Prozessmodells stellt sich die Frage, in welcher Reihenfolge die Beschreibung erfolgen sollte. Beginnt man bei der physikalischen Existenz des Menschen, ergeben sich übergeordnete Reiche, die man mit metaphysischen, mentalen oder psychischen Kriterien beschreiben muss. Auf der anderen Seite der physikalischen Existenz befinden sich die Reiche, die sich erst aus kollektivierten Denkprozessen ergeben. Beginnt man z.B. beim letzten Reich, dem „FELD“, muss sichtbar werden, dass z.B. ein Krieg auf einer gemeinsam geteilten Definition von Bedeutungen basiert, die jederzeit problemlos aufgegeben werden kann.1 In diesem Buch wird daher die Beschreibung der Reiche mit dem prozesstechnisch primären Reich, dem SEIN begonnen. Dies ist auch der klassische Ansatz der Philosophie, in dem man sich vorstellt, was von uns bleibt, wenn man unsere mental-sozialen Konstrukte, unsere Emotionen und sogar unsere physikalische Existenz als nicht existent oder nicht aktiv annimmt. Es bleibt das, was Descartes als: „Ich denke, also bin ich“ bezeichnet hat. Ein besserer Begriff dafür ist „Bewusstsein“. In Ruhe, ohne die Abbildung von Formen durch Sinneswahrnehmungen oder Denken kann sich Bewusstsein seiner selbst bewusst sein. Dieses ruhende Bewusstsein“ sei der Anfangspunkt unseres Prozessmodells.
Welches sind nun aber die universellsten Eigenschaften dieses Bewusstseins, die nicht weiter abstrahierbar sind? Da unser Bewusstsein eine äußere und innere Welt wahrnimmt, postuliert dieses Buch die dafür erforderlichen Eigenschaften des „Quellens“ einer Proto-Substanz als Ursache des Hervorbringens der Welt und des „Schauens“ als Ursache der Wahrnehmung der Welt.2 Damit erinnern die Postulate entfernt an das monotheistische Bild Gottes als Auge mit Strahlenkranz.
Das „Quellen“ der Proto-Substanz besitzt drei Aspekte: Der flüssige Aspekt ermöglicht Empfindungen, der Licht-Aspekt ermöglicht Erkenntnis und der Raum-Aspekt ermöglicht Formen.
Das ruhende Bewusstsein enthält keine Form und erschaut keine Form – nur sich selbst. Diese primäre Instanz wird in diesem Buch in Anlehnung an die spirituelle Lehre Eckhard Tolle‘s das „SEIN“ genannt. Das SEIN hat in metaphysischer Interpretation die Position des monotheistischen Gottes, kann aber auch rein psychologisch als innerster Kern unserer Person aufgefasst werden.3
Die dynamische Eigenschaft des SEIN’s, das „Quellen“ ist die Lebensenergie, die fließen muss, um die Welt zu schaffen und zu erhalten. Wir stellen uns diese Ur-Dynamik als die Ursache fließende Asymmetrien innerhalb Proto-Substanz des SEINs vor, wie einen Tanz. Die Asymmetrien verdichten sich zu Formen, die vom formlosen SEIN umflossen und von ihm als Selbstanschauung erfahren werden.
Schließen
sich Formen zu Schleifen oder Blasen, entstehen stabile geschlossene
Selbstbezüge
innerhalb des SEINS.
Aus diesem „Schaum“ entstehen die
Reiche der Welt. Sie sind umgeben von formlosem SEIN wie Schaum von
der Luft umgeben ist. Sie schließen formloses SEIN ein, wie Luft vom
Schaum eingeschlossen ist.
Die Herstellung und Auflösung von Formen geschieht nicht im ruhenden SEIN, sondern in den bewegten Teilen des SEINs, die sich als Reiche vom ruhenden SEIN abgrenzen. (siehe Kap.6-12)
An der Grenze zwischen ruhendem SEIN und bewegtem SEIN entsteht Form-Bewusstsein. Dieses kann man sich entsprechend unseres numerologischen Ansatzes als Lösungsfeld zwischen Form und formlosem SEIN vorstellen, das sich wie der Raum an einer Blase in zwei Richtungen aufspannen kann:
Nach innen ist das Bewusstsein von der Form eingeschlossen. Es entsteht abgetrenntes ICH-Bewusstsein, welches sich scheinbar von der Form und ihrem Erkennen ableitet und innerhalb der Form fokussiert ist.
Nach außen werden die Formen von SELBST-Bewusstsein umflossen, welches alle Formen erkennt und durch universelles Empfinden vereinigt. SELBST-Bewusstsein kann sich von jeder Form emanzipieren, indem es sich als verbunden mit dem SEIN erkennt.4
Gemäß der numerologischen Qualität der „3“ lässt sich Form-Bewusstsein als das unbestimmte Lösungsfeld des Widerspruchs zwischen der Form und dem formlosen SEIN definieren. Der Bewusstseinsanteil der Wahrnehmung, der zur Form gerichtet ist, entspricht dem Erkennen. Der zur Formlosigkeit gerichtete Bewusstseinsanteil entspricht dem Empfinden. Erkennen und Empfinden innerhalb der Form kann dem ICH-Bewusstsein, außerhalb der Form dem SELBST-Bewusstsein zugeordnet werden.
Die geschlossene Form bildet die Barriere und gleichzeitig die Verbindung zwischen den beiden Bereichen des mit sich selbst spielenden Gottes.
Als Illustration der Beziehung des SEINs zu der in ihm bzw. aus ihm entspringenden Welt eignet sich das numerologische Bild der Zahl „1“, die einerseits die Welt der Zahlen als Bruch in sich enthält und andererseits die Vielfalt der Binnendifferenzierung als Menge von Einsen in die „äußere“ Welt spiegelt. Aus Sicht der Formen besteht die Welt aus vielen einzelnen „Einsen“. Aus Sicht des SEINs besteht die Welt innerhalb der Einheit des eigenen Bewusstseins. Die Eins-Werdung ist aus dieser Sicht die ultimative Methode jeder Rückkehr zum Ursprung. Die Frage, mit wem man eins werden soll, stellt sich dabei nicht. Es gibt nur eine Eins. Diese Logik begründet das Primat des Wertes der „Verbundenheit“.
Im Reich der RESSOURCEN (siehe Kap. 9) begründet die Form des Körpers seine Bedeutung für die Spiritualität. Seine Sinne führen zur Form und zum Erkennen. In seiner Tiefe, oder besser jenseits des Körpers, entspringt der Quell des Empfindens. Die Brückenfunktion des Körpers ist der Grund, warum allein Entspannung oder die Reduzierung bzw. Vergiftung von Gehirnfunktionen durch Drogen eine spirituelle Komponente haben.
Während das „Quellen“ des SEINS den dynamischen Aspekt des SEINS repräsentiert, bilden die durch die entstandene Bewegung der quellenden Proto-Substanz erzeugten Selbstbezüge die statische Essenz des SEINs und damit die „Substanz“ unseres Prozessmodells auf jeder Ebene – wie selbstbezügliche Teilchen die Substanz der Materie bilden oder wie Strudel in einem Fluss eine eigene scheinbar stabile Existenz besitzen können.
Diese beiden Aspekte des SEINS führen nach diese Prozessmodell zur Herausbildung der Reiche nach der ihnen eigenen innewohnenden Logik. Da es außerhalb des SEINs nichts geben kann, müssen wir uns das die Ergebnisse des Wirkens des dynamischen Aspektes und der statischen Essenz als eine innere Differenzierung des SEINs vorstellen, gleichsam als eine „Idee“ des SEINs.
Durch hierarchische Muster von Selbstbezüglichkeiten innerhalb des SEINs entstehen Figuren, die wiederum die Bahnen des dynamischen Aspektes ausrichten. In diesem Spiel entsteht die Welt der Reiche. Das SEIN ist nach diesem Prinzipien in den Reichen der Welt dreifach existent:
als das sich selbst schauende Bewusstsein (ruhende Essenz innerhalb und außerhalb von Formen)
als Dynamik des Erzeugens und Auflösens (dynamischer Aspekt)
als lebendige Substanz von selbstbezüglichen Formen (statische Essenz)
Im SEIN besteht die Einheit alles Seienden in seiner Vielfalt. Unser formloses empfindendes Bewusst-SEIN und unser durch die Reiche geformter Körper und seine Sinne sind immer in Verbindung mit dem ungeteilten SEIN. 5
Unser von der Begrenzung der Person oder von den Sinnen und ihren Verarbeitungsinstanzen abgeleitetes ICH-Bewusstsein kann diese Einheit wegen seiner Orientierung auf die Formen des SEINs nicht erkennen oder gar beweisen. In dem Maße, wie es sich von den Formen löst, gewinnt es seine Universalität als SELBST-Bewusstsein wieder.
Dies ist der Sinn aller Religionen und in diesem wahren Sinn gibt es nur eine Religion. Im Loslassen des Denksinnes und des von ihm erzeugten Verstandes als Fokuspunkt des ICH-Bewusstseins innerhalb des Körpers liegt die Bedeutung der Worte der Bergpredigt der christlichen Religion: „Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich“. In fern-östlichen Religionen wird dieser formlose Bewusstseinszustand mit Hilfe von Meditationspraxis angestrebt.
Prozessontologisch entfällt durch die Definition des Bewusstseins als Essenz des SEINs die Notwendigkeit, das Bewusstsein in den folgenden Reichen als Abbildungsfunktion einer Form zu konstruieren. Die Selbstbezüglichkeit des menschlichen Bewusstseins ergibt sich aus unserer permanenten Verwurzelung im ruhenden, nur sich selbst schauenden SEIN.
Für unser Prozessmodell haben wir damit das SEIN als Quelle und Essenz der sieben Reiche – nicht als das erste der sieben Reiche – modelliert. Es ruht in sich. Es spielt in sich. Es erträgt die Potenz der Unbestimmtheit und die aus ihr entstehenden konkreten Formen der Bestimmtheit in sich, denn dies alles ist es selbst. Es ist sich selbst und seiner in ihm spielenden Formen bewusst.
Konsequenz des hier entwickelten Modells ist, dass das Bewusstsein bzw. das SEIN nicht nur Träger von Wahrnehmung und Erkenntnis ist, sondern immer auch Proto-Substanz Charakter und damit von Anfang an einen gleichermaßen energetischen und substantiellen Aspekt hat – wie der Heilige Geist der christlichen Religion, das hinduistische Prana oder das daoistische Qi.
Das Gefühl des puren SEINs ist der Frieden. Soweit wir in unserem Bewusstsein den Frieden schaffen und aufrechterhalten können, sind wir unserer Vor-Existenz im SEIN bewusst.6
Die Tendenz der Quell-Dynamik, selbstbezügliche Formen innerhalb des SEINs zu bilden, aufrechtzuerhalten und ggf. wieder aufzulösen nennen wir den Atem des SEINs. Im Ausatmen differenzieren sich selbstbezügliche Wesen in den sieben Reichen als Formen. Im Einatmen integrieren sich die Wesen wieder zur Einheit des SEINS, die den Frieden des SEINS in sich tragen. Im Ausatmen haben die aktiven Dynamiken, im Einatmen die passiven Dynamiken Priorität.
Metaphysische Aspekte |
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Psycho-Soziale Aspekte
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Reich |
Triade |
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aktive
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aktive
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Instanz |
passive
|
passive
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Ruhe |
1 |
Ausatmen |
Ruhen |
Bewusstsein |
Ruhen |
Einatmen |
SEIN |
Bewegung |
2 |
Quellen |
Schauen (erkennen, empfinden) |
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Selbstbezügl. Form |
3 |
Binden |
Entbinden |
In Anwendung unserer numerologischen Regeln auf das SEIN ist die Bewegung die Antithese zur Ruhe und erzeugt das unbestimmte Lösungsfeld einer selbstbezüglichen Form, die ein potentiell ruhendes Innen eischließt – so wie wir die rotierende Erde als „ruhend“ wahrnehmen. Die Unbestimmtheit der selbstbezüglichen Form drückt sich in ihrer Instabilität aus, wie sie bei Tornados oder Strudeln aller Art zu beobachten ist. Auch die Aufrechterhaltung eines ausgeglichenen selbstbezüglichen Bewusstseinszustandes fällt den meisten Menschen schwer. Wie schon oben ausgeführt, können die Kategorien der Reiche auf metaphysischer wie auf psycho-sozialer Ebene betrachtet werden. Das gilt auch für das SEIN. Siehe dazu die Tabelle oben.
1 Man denke an die gemeinsamen Weihnachtsfeiern der verfeindeten Soldaten an der Front des ersten Weltkrieges.
2 Auf die Einführung der Begriffe: „Proto-Objekt“ und „Proto-Subjekt" wird hier verzichtet, da die vollständige Trennung von Subjekt und Objekt erst im Reich der Regeln vollzogen wird.
3 Auch der Begriff „Geist“ könnte verwendet werden, da er besser auch den dynamischen und potentiell substanzhaften Charakter des SEINs verdeutlicht.
4 Durch die doppelte Funktion des Bewusstseins innerhalb und außerhalb der Blase entsteht die Möglichkeit der (doppelten) Selbstabbildung der Bewusstseinsformen als Kerneigenschaft universellen Bewusstseins
5 Das Bewusstsein Jesu für dieses integrierende Wesen des SEINs begründete die Eucharistie des Christentums - ohne dass es allerdings einer Verwandlung der gewöhnlichen Materie durch den Priester bedarf.
6 Damit lässt sich die Frage nach dem Woher und Wohin der Menschen wie folgt beantworten: Vom Frieden hinab in die Erregung des Feldes und zurück in den Frieden