6. Das Reich der EXISTENZ
Das
Ausatmen des SEINs lässt die Welt aus der RUHE des SEINs
hervorgehen. Als erstes der sieben Reiche entsteht das Reich der
EXISTENZ als Konkretisierung des Lösungsfeldes zwischen Ruhe
und Bewegung.
Die primäre Kategorie der EXISTENZ in unserem dynamischen
Prozessmodell ist das Werden
als eine
selbstbezügliche aber offene Bewegungsform1.
Die ungerichtete Quell-Energie des SEINs wird in dieser in sich
selbst fließenden Form gebunden.
Es sind innerhalb des SEINs
beliebig viele unabhängige Existenzen denkbar. Durch die Bindung in
der Selbst-bezüglichkeit wirkt das Werden
im Sinne einer Teilung des SEINS. Ein Teil des SEINs verbleibt in
einem Zustand der „Vor-Existenz“ als „Außen“ und ein intern
abgegrenzter Teil wird
zu einer selbstbezüglichen Existenz, welche die Qualität des SEINs
in sich trägt. Die Eigenschaften des SEINs sind nach diesem Modell
auch in der EXISTENZ und in allen folgenden Reichen vorhanden –
wenn auch in entsprechend abgestuft relativierter Form.
In theologischen Begriffen wird durch das Prinzip der Binnendifferenzierung die Immanenz und gleichzeitige Transzendenz Gottes in Bezug auf die Welt begründet. Die scheinbare Trennung der EXISTENZ vom SEIN erzeugt die Idee der Transzendenz Gottes gegenüber der Welt. In der Wesensgleichheit des Werdenden mit dem SEIN besteht die Immanenz Gottes2.
Der Grundwiderspruch der EXISTENZ besteht zwischen Werden und Vergehen. Dem Werden entspricht die Herstellung von Selbstbezügen innerhalb des SEINS. Das Vergehen löst die Selbstbezüge wieder auf. Auch ohne die Idee der Zeit kann man sich vorstellen, dass eine sinnvolle Welt nicht aus allem bestehen kann, was möglich ist. Es muss eine Auswahl und damit auch eine Abweisung von nicht Gewolltem geben. Vielleicht ist hierin schon die Wurzel dessen zu finden, was in den tieferen Reichen als das „Böse“ möglich wird oder in der Religion als das „Gericht“ bezeichnet wird.
Wer vor dem Hintergrund der eigenen Vergänglichkeit Probleme hat, sich die existentielle Bedeutung der Vergehens einzugestehen, sollte die Bedeutung der Vernichtung bzw. Verneinung im Kontext von Stoffwechsel, Immunsystem, Ackerbau, Denken oder Erziehung vergegenwärtigen. Jede Differenzierung basiert auf Selektion. Selektion ist immer auch Verneinung und bedeutet Vergehen.
Das unbestimmte Lösungsfeld aus Werden und Vergehen ist das Bleiben. Damit ist die Triade des Reiches der EXISTENZ beschrieben, welches als erstes aus dem SEIN heraustritt und alle weiteren Reiche enthält.
Der
Pfad des Einatmens des SEINs führt das Bleibende
der EXISTENZ ins SEIN zurück. Diese Umkehr gegen den Strom des
Quellens des SEINs führt nicht zwangsweise zum Vergehen,
sondern auch zur Reintegration des Gewordenen in das SEIN. Da der
Zustand des SEINs der Frieden ist, ist Frieden auch das
Reintegrations-Kriterium des Bleibenden.
Das SEIN atmet also Möglichkeiten aus und atmet gewordene und
zum Bleiben
bestimmte friedliche Vielfalt und Harmonie ein. Diese Dynamik wirkt
über alle sieben Reiche und schafft eine ständig wachsende
Binnen-differenzierung, die im ruhenden SEIN aufgehoben wird. Wir
Menschen sind je nach Lebenssituation in allen Reichen existent und
mehr oder weniger bewusst mit ihnen identifiziert.
Die „Aufhebung“ der Differenzierung des SEINs ist in beiden Bedeutungen des Wortes zu verstehen: Das Trennende der erzeugten Formen wird aufgehoben. Gleichzeitig werden die Formen aufgehoben (bewahrt), die sich als harmonische Konkretisierung von Widersprüchen in den Subreichen bewährt haben.3
In der metaphysischen Interpretation ist das Reich der EXISTENZ vormateriell und überpersönlich zu denken. Es ist der Bereich überpersönlicher Wesenheiten der EXISTENZ.
Bei psychologischer Interpretation besteht die Dynamik der EXISTENZ im Hervorbringen und Zerstören von Bewusstseinsinhalten. Die Balance dieser Elemente im Bleiben sichert die Stabilität der Bewusstseinsinhalte und die Verbundenheit mit dem Frieden des SEINs. Eine Dysbalance führt zur Tendenz der Konkretisierung des Lösungsfeldes in der nächsten Triade, im Reich der PERSONALITÄT und ggf. in den weiteren SUB-Welten.
Für dieses Reich und für alle folgenden Reiche gilt: Die Suche nach Frieden führt immer in Richtung des SEINs, die Hingabe an die Erregung führt zu Abstieg bis in das Reich des FELDES. Die Fähigkeit zur Erzeugung und Selektion der entsprechenden Empfindungen als Bewusstseinsinhalt bestimmt den Grad unserer Identifikation mit den jeweiligen Reichen. Religiöse Praktiken suchen dabei die Hilfe der Wesenheiten der EXISTENZ.
Die
drei Elemente der Triade sind entsprechend der Grundsätze des SEINs
selbstbezüglich, jedoch untrennbar miteinander verwoben. Sie
bewohnen einen gemeinsamen Innenraum der Form und
haben ein
verbundenes ICH-Bewusstsein.
Der Hinduismus nennt diese drei Wesen: Brahma (Schöpfung), Shiva (Zerstörung) und Vishnu (Erhaltung).
Die Triade der EXISTENZ entspricht nicht der Dreifaltigkeit der christlichen Theologie. Diese wäre in diesem Modell eine Quantifizierung der Personalität: ∞ für Gott (SEIN), „1“ für Christus (Bleiben) als selbstbezügliche, potentiell abgegrenzte Form, „0“ für den heiligen Geist als dynamische Proto-Substanz des SEINs ohne Selbstbezug.
Die Beziehungen der Wesen der EXISTENZ schwingen um den Punkt ihrer Balance4. Jedes Wesen bezieht sich auf sich und ebenso auf die beiden anderen. Die wesentliche Aufgabe der Wesen der EXISTENZ ist neben ihrer Balance die Vermittlung zwischen den dynamischen Prinzipien des SEINs und den nachfolgenden Reichen. Diese drei Wesen bilden gemeinsam den metaphysischen5 Kosmos.
Das Symbol für die Ausgeglichenheit dieser drei Elemente der EXISTENZ kennen wir als das „Auge Gottes“ aus der Illustration der Schriften des Mystikers und ersten deutschen Philosophen Jacob Böhme:
Der Qualität der Ausgeglichenheit des Werdens und des Vergehens entsprechend entsteht nach den Regeln der „3“ das unbestimmte Lösungsfeld des Bleibens. Es gibt noch keinen Ankläger des Gewordenen, keinen Anwalt, keinen Richter. Was darf bleiben? Was muss vergehen? Die Konkretisierung dieser Unbestimmtheit erfolgt, wie wir in Kapitel 4 gelernt haben, in einer weiteren untergeordneten Triade: Im Reich der PERSONALITÄT. Dieses Reich konkretisiert das Möglichkeitsfeld des Bleibens in Form von Personen. Bevor wir uns mit diesem Reich beschäftigen, werfen wir nochmal einen Blick auf die psychologischen Aspekte der EXISTENZ:
Der Rhythmus von Aktivität und Passivität in allen Reichen ist ein Erbe des Atmen des SEINs. Er verbindet alle Reiche durch sein dynamisches Gleichgewicht. In der Natur zeigt sich das Gleichgewicht als Zyklus von Frühling und Herbst, in der Wirtschaft als Konjunktur und Rezession, im Menschen als Wachen und Schlafen, Jugend und Alter, im Kosmos als das Gleichgewicht von radialen und tangentialen Kräften. In Asien wird dieser grundlegende dynamische Dualismus, der die Welt durchzieht, als Yin und Yang bezeichnet.
Hotu – das Symbol für Yin und Yang der Welt
Das Hotu-Symbol bietet sich als geometrische Allegorie der Symmetrie von radialen und tangentialen Kräften im Reich der EXISTENZ an: Die ruhende Eigenschaft des SEINs kann als Fläche außerhalb des Symbols gedacht werden oder als ruhende Atmosphäre außerhalb eines Hurrikans. Die gedachte selbstbezügliche Rotationsbewegung grenzt das Symbol der EXISTENZ von der Umgebung ab und erschafft in der dritten Dimension (innerer Kreis) eine eigene Welt, die zu einer Verdichtung der Rotationsenergie im Schlauch des Hurrikans oder Strudels führt. Ohne diese Verankerung in einer weiteren Dimension würden die tangentialen Kräfte die rotierende Form auflösen.
Aus Sicht der dynamischen Kräfte wäre der Übergang einer gradlinigen oder gekrümmten Bewegung zu einer selbstbezüglich rotierenden Form ein Werden.
In der physikalischen Welt begegnet uns die Dialektik von radialen und tangentialen Bewegungen z. B. im Elektromagnetismus und in den Kreisbahnen der Gestirne.
Im Menschen entspricht das Werden dem Wunsch oder dem Wollen im aktiven Pfad. Die Umkehr erfolgt durch das Loslassen. Dadurch wird das Vergehen und das Empfangen des Bleibenden möglich. Wie die EXISTENZ auf metaphysischer Ebene trennt jeder Wunsch unser inneres SEIN in zwei Teile. Ein Teil verbleibt in RUHE und ein anderer Teil verbindet sich mit der Fiktion des Ziels. Trennung und Sehnsucht entstehen. Die Sehnsucht rührt aus der Teilung des SEINs her und wird gestillt, wenn der Wunsch erfüllt oder aufgegeben wird.
In beiden Fällen ist Passivität erforderlich. Eine Erfüllung des Verlangens ist nur möglich, wenn ihr Raum gegeben wird. Der Wert der Demut liegt in der Erkenntnis, dass eine Teilung des SEINs keinen Mehrwert bringen kann, da nichts zum SEIN hinzugefügt werden kann. Wünschen und Wollen werden in diesem Modell zu Versteckspielen mit uns selbst.
Vielleicht liegt hierin die Tiefe des Weihnachtsfestes: Wir kehren heim, das Kind als Symbol des reinen ungeteilten SEINs strahlt und unsere Wünsche werden erfüllt, und wenn nicht, geben wir sie für dieses Jahr auf.
Die Opferrituale der Religionen werden oft als Tauschhandel mit den Göttern verstanden. Ihr eigentlicher Sinn liegt in der Einübung von Passivität und Hingabe in Verbindung mit einer Erwartung als Voraussetzung des Empfangens.
Aus der Zeit der Schreibmaschine kennen wir das Bild des Schriftstellers neben dem überquellenden Papierkorb verworfener Entwürfe. Jeder Kreative lebt auf der Ebene der EXISTENZ zwischen Werden, Vergehen und Bewahren6 von Gefühlen, Personen oder Formen. Das Werdende nennen wir Inspiration, die Arbeit der Auswahl und Verknüpfung erfolgt durch Imagination und das Ergebnis des Bleibenden ist die Konzeption, das „Empfangene“.
Vermutlich entspringt die Schönheit und Harmonie der Natur einem Zustand, der sehr nah an einem Gleichgewicht zwischen Werden, Vergehen und Bleiben angesiedelt ist. Die Intensität des Atems des SEINs entspricht vielleicht der verbleibenden Asymmetrie und wird im Laufe der Entwicklung, die wir Evolution nennen, immer feiner.
Das Gefühl des Reiches der EXISTENZ ist die Liebe. In Liebe wollen wir erschaffen. In Liebe dürfen wir vernichten. In Liebe können wir das Bleibende empfangen. Da es kein Gegenteil der Liebe gibt, steht der Liebe das Fehlen der Liebe gegenüber, die Finsternis des Getrenntseins oder gar der Verrat an der Liebe7
Hass ist nicht das Gegenteil von Liebe, sondern die Identifikation mit negativ empfundenen Merkmalen eines Objektes – so wie „verliebt sein“ eine Identifikation mit positiv empfundenen Merkmalen eines Objektes ist (Details zu Identifikationen siehe Kapitel 15).
Die Tugend des Reiches der EXISTENZ ist die Demut. Sie steht dem Übermut und dem Hochmut gegenüber, die mit der Schaffung einer Existenz in Abgrenzung zum SEIN – oder ihrer Vernichtung – verbunden sein können. Demut löst die Identifikation mit der EXISTENZ und mit den aus ihr entspringenden Reichen.8
Die Tragik der EXISTENZ besteht in der Trennung zwischen der Universalität des SEINs und der Autonomie (Freiheit), die mit der Abgrenzung innerhalb des SEINs auftritt. Mit Wahl der Abgrenzung durch das Werden wird die Universalität des SEINs zugunsten der Autonomie der EXISTENZ beschädigt. Nur das ungetrennte SEIN kann autonom und universell sein. Dieser Grundwiderspruch ist es, der die Entfaltung der Reiche bis zum Reich des FELDES führt. Mit der Entwicklung des Menschen im Reich der RESSOURCEN wird die fehlende Universalität zwar wiedererlangt - jedoch auf Kosten der Autonomie. In den sozialen Reichen vergrößert sich daraufhin die Autonomie, was wiederum der Aufrechterhaltung der Universalität des Individuums entgegensteht.
Das Reich der EXISTENZ ist die Heimat der Werte. Alle Werte bestehen in überpersönlichen Präferenzen darüber, was geschaffen oder zerstört werden soll und was bleiben darf. In der Abbildung des unbestimmten Lösungsfeldes der zu bewahrenden Werte auf Personen, Regeln und Objekte entstehen die Reiche.
Wenn es einen höchsten Wert geben sollte, den man in abstrakter philosophischer Sprache ausdrücken kann, wäre es wohl die „Verbundenheit“- die gemeinsame Wurzel in der Formlosigkeit des SEINs, die alle Formen umfließt und als die hier beschriebene Quell-Dynamik des Werdens die Reiche hervorbringt. Verbundenheit ermöglicht die Balance bei der Differenzierung von Formen innerhalb der Reiche sowie für die Rückbindung an das absolute und relative SEIN.
Der zweithöchste Wert auf der Ebene der EXISTENZ ist die Zentriertheit. Sie schärft die Formen im Chaos der Verbundenheit durch Selektion und ist deshalb mit dem Vergehen verknüpft. Der Wert der Zentriertheit bedeutet jedoch nicht, dass es nur ein Zentrum geben kann, sondern ist die Grundlage jeder Gliederung als Organisation von Form.
Der dritte Wert, dem Bleiben zugeordnet, ist die Offenheit. Sie entsteht durch die Dialektik zwischen Verbundenheit und Zentriertheit und ermöglicht in ihrem Raum der Unbestimmtheit das Spiel der gegliederten, verbundenen Formen. Die Offenheit des Bleibens realisiert die Unbestimmtheit der gesamten Existenz und begründet den freien Willen der Wesen der EXISTENZ bzw. der Personen des folgenden Reiches.
Solange die Balance zwischen diesen drei Werten ausgeglichen ist, bewegen sich ihre Quantitäten in gleicher Richtung. Steigt die Verbundenheit, steigt auch die Zentriertheit und durch sie die Offenheit. Jede Dysbalance der drei Triadenelemente der EXISTENZ, die schließlich zur Entstehung der folgenden Reiche führt, ist auch eine Dysbalance dieser drei Werte. Das Symbol der Einheit dieser drei höchsten Werte ist das Kreuz: Die Linien des Kreuzes sind verbunden, schaffen ein Zentrum und die Offenheit in den Quadranten.
Ein
anderes Bild für das Zusammenspiel von Verbundenheit, Zentriertheit
und Offenheit liefert uns auch die Entstehung von Sternensystemen und
Planeten aus interstellarem Staub: Gravitationskräfte
verbinden
die Staubpartikel, Zentriertheit lässt Systeme von Körpern
entstehen, die alle Partikel an sich binden und die Offenheit des
Alls erzeugen.
Metaphysische Aspekte |
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Psycho-Soziale Aspekte |
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Reich |
Triade |
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aktive
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aktive
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Instanzen |
passive
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passive
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RUHE |
1 |
Ausatmen |
Ruhen |
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Ruhen |
Einatmen |
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1 |
Schöpfungszyklus |
SEIN |
Bewegung |
2 |
Quellen |
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Schauen (erkennen, empfinden) |
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2 |
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Selbstbezügl. Form |
3 |
Binden |
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Entbinden |
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3 |
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Werden |
1 |
Wollen |
Erscheinen |
Würde |
Richten |
Empfangen |
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4 |
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EXISTENZ |
Vergehen |
2 |
Verwerfen |
Wille |
Würdigen |
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5 |
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Bleiben |
3 |
Pflegen |
Werte9 |
Ausgleichen |
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6 |
1 Vorstellbar als Schleife im Raum (Eine Schleife hat eine 1-dimensionale Ausdehnung und ist 2-dimensional gekrümmt im 3- dimensionalen Raum)
2 Die Ideen dieses Buches werden in der Theologie als „Panentheismus“ bezeichnet
3 Diese Bewährung wird im christlichen Kontext als „Taufe“ bezeichnet.
4 Diese Schwingungen muss man sich wie Musik vorstellen, die uns auch leicht ins Überpersönliche führt.
5 Der physikalische Kosmos entsteht erst im Reich der Ressourcen
6 BEWAHREN wir hier als Synonym von Bleiben verwendet
7 Diese Zustände sind in weiteren SUB-Reichen möglich
8 Ohne "De" taucht der Mut im Reich des Feldes (siehe Kapitel 12) wieder auf, wo er als Wagemut vergeht oder zu Gleichmut geläutert wird.
9 Verbundenheit, Zentriertheit, Offenheit