8. Das Reich der REGELN
Solange trotz des entstandenen ICH-Bewusstseins der Personen die Liebe der EXISTENZ oder zumindest die Toleranz des PERSONEN-Reiches währt, kann unsere Kindergruppe1 aus unterschiedlichen Charakteren ihre Vielfalt im freien Spiel ausdrücken und genießen. In Liebe empfinden Personen die Person im Anderen. In Toleranz erkennen Personen andere Personen an. Das Spiel ordnet sich von selbst. Die Unbestimmtheit der Beziehungen zwischen den Personen ist keine Last.
Diesen
Zustand verlassen wir, wenn unser Bewusstsein für unsere gemeinsame
Verwurzelung im SEIN weiter abnimmt und wir andere Personen nicht als
Möglichkeit erkennen, unser ICH zu transzendieren, sondern als
Begrenzung unserer Freiheit verstehen. Andere Personen werden so zu
Objekten,
die von Subjekten
betrachtet werden.
Als Objekte
der Betrachtung verlieren sie ihre personelle Würde und geraten in
Gefahr, dieses Fremdbild als Selbstbild zu übernehmen. Diese
Subjekt-Objekt-Beziehung
ergänzt oder ersetzt die Liebes- bzw. Toleranzbeziehungen zwischen
Personen. Diese Art von objektivierter Beziehung muss von den
Personen ausgehandelt und vereinbart werden. Die durch Vereinbarung
objektivierten Regeln können dann die Widersprüche zwischen den
Charakteren der Personen durch ihre Ordnungskraft ausgleichen,
solange diese sich den vereinbarten Regeln unterordnen.
Die
Kindergruppe aus dem Reich der PERSONALITÄT kann in diesem Zustand
ihre Balance nur finden, wenn sie sich auf ein gemeinsames Spiel
einigen kann. Dazu müssen REGELN2
verhandelt werden, die alle Charaktere der Gruppe berücksichtigen
und diese im Spiel zum Ausdruck bringen können. Mit dem Aushandeln
von REGELN und deren Anwendung schaffen die Kinder ein neues Reich,
in dem die Unbestimmtheit der interpersonellen Beziehungen des
PERSONEN-Reiches in den Gesetzen
des Spiels konkretisiert wird. Die Spielregeln sind im Gegensatz zu
den Beziehungen im Reich der PERSONALITÄT nicht mehr interpersonell
sondern wirken nach ihrer Definition objektiv,
d. h. die
Personen unterwerfen sich dem gemeinsam geschaffenen Gesetz.
Im Reich der REGELN agiert die Person in zweifacher Weise: Sie erzeugt als Ausgleich zwischen Subjekt und Objekt Regeln bzw. unterwirft sich dem Makrokosmos vorhandener REGELN und agiert anschließend als Mikrokosmos innerhalb der vereinbarten REGELN.
Auf psychologischer Ebene suchen die Personen als Konkretisierung der Unbestimmtheit ihrer Kindschaft ihre Bestimmung und erfahren diese durch die Annahme oder die Definition der REGELN ihres Lebens. Die Zentrierung in Form einer Bestimmung ist zunächst statisch. Sie ist unsere individuelle Bestimmung zum SEIN im Sinne von „so sein“. Erst in Bewegung verwirklicht sie sich im Ringen mit den Herausforderungen zu unserem Lebensgesetz und erzeugt Bedeutungen (siehe dazu Kapitel 19).
Die Triade des Reiches der REGELN ist also durch Auflösung des Widerspruches von Subjekt-haftigkeit und Objekt-haftigkeit von Personen durch das Gesetz 3definiert.
Die Identitäten der Personen konkretisieren sich durch die Herausforderung ihrer Bestimmung im Spiel nach den gewählten Regeln.
Wer die Rollenverteilung für das erste Theaterstück in einer Grundschulklasse miterlebt hat, hat eine Idee von der Bedeutung dieses Reiches. Auch die Einstellungssituation eines Angestellten in einer Firma folgt diesen Regeln: Mit der Akzeptanz der Vertragsbedingungen durch den Angestellten entsteht seine konkrete berufliche Bestimmung. Aus dieser entspringt Motivation als unbestimmtes Energiefeld im Kontext des Gesetzes. In der Selbstwahrnehmung des Angestellten entstehen die lebendigen Urbilder von Herausforderung und Bedeutung schon lange, bevor der erste Handgriff getan wurde.
Die Übernahme einer Bestimmung durch ein Subjekt im Kontext von Regeln ist nicht mit der Übernahme einer Rolle gleichzusetzen. Die Rolle entsteht erst in der Interaktion des Subjektes (als Mensch) in einem sozialen Umfeld in Abgrenzung zu anderen Rollenträgern (siehe Kapitel 10).
Auf metaphysischen Ebene werden im Reich der REGELN die Identitäten und Beziehungen transzendenter4 Personen in Naturkonstanten und Naturgesetze transformiert5. Transzendente Personen entsprechen in diesem Modell den schöpfenden Göttern der Religionen6. Interpersonelle Konflikte werden von ihnen durch Verhandlung eines naturgesetzlichen Rahmens für das physikalische Universum ausgedrückt. Die beteiligten Personen schaffen so als Subjekte gemeinsam einen objektiven Möglichkeitsraum von Formen, die den vereinbarten Regeln gehorchen. Ist die Asymmetrie im Reich der EXISTENZ gering, entsteht ein ausgewogenes Universum, das alle Aspekte der beteiligten Personalitäten berücksichtigt und eine hohe Vielfalt und Harmonie gewährleistet. Solange die Beziehungen zwischen den transzendenten Personen stabil sind, sind auch die vereinbarten Naturgesetze stabil. Solange die transzendenten Personen das Urbild ihrer Bestimmung nicht im Reich der RESSORCEN konkretisieren (z.B. als Mensch inkarnieren), erlangen sie keinen definierten „Geist-Leib“.
Neben den Naturgesetzen der möglichen Universen entstehen beliebig viele Raumdimensionen und drei weitere nicht vertauschbare imaginäre Dimensionen. Diese drei imaginären Dimensionen bilden eine Triade aus Komplexität, (Un-) Wahrscheinlichkeit und Zeit (Komplexität steht hier für negative Entropie – entspricht also dem Informationsgehalt der Strukturen und ist daher linear skalierbar). Je höher die Komplexität der Form, umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit ihrer Realisierung.7
Das unbestimmte Lösungsfeld dieses Widerspruches ist die Zeit. Die Zeit ist im Reich der REGELN noch wie eine Ausdehnung, eine Gleichzeitigkeit ohne Gerichtetheit zu betrachten. Raum, Komplexität, Wahrscheinlichkeit und Zeit in ihrer vormateriellen Bedeutung sind in diesem Reich als Ideen erfahrbar, aber nicht mit ihren Abbildern im Reich der RESSOURCEN gleichzusetzen.8
Nach den vereinbarten Gesetzmäßigkeiten der Universen mögliche Formen bilden als Ideen unbestimmte Urbilder, getränkt und gestützt von den Empfindungen und Erkenntnissen der beteiligten Personalitäten. Die Bestimmtheit der Urbilder verdichtet sich entsprechend ihrer Realisierungswahrscheinlichkeit und fixiert sich bei deren Konkretisierung im Reich der RESSOURCEN. Die möglichen komplexen Formen gruppieren sich geordnet nach der Logik ihrer Beziehungen untereinander und entsprechend ihrer Realisierungs-Wahrscheinlichkeit an den realisierten Formen des RESSOURCEN-Reiches und dehnen sich von dort mit unterschiedlichen Realisierungswahrscheinlichkeiten in die Zukunft aus. Durch die drei imaginären Dimensionen werden Veränderungen durch Entscheidungen im RESSOURCEN-Reich erst möglich.
Die emotionale Aufladung von Urbildern durch die beteiligten Personen erhöht deren Realisierungswahrscheinlichkeit im aktiven Pfad über die statistische Wahrscheinlichkeit der vereinbarten Regeln hinaus. D. h. das Regelgeflecht gehorcht den Beziehungsfeldern der Personen und lässt sich temporär oder permanent auch durch einzelne transzendenten oder inkarnierten Personen verzerren bzw. verändern. Die Wahrscheinlichkeit der Entstehung von „gewollten“, „erwarteten“ oder aus der Wahrnehmung des RESSOURCEN-Reiches „bekannten“ komplexen Urbildern ist darum höher als ihre statistische Wahrscheinlichkeit (Siehe Kapitel 13).
Das Reich der REGELN beherbergt die Orte der Himmel und Höllen der Religionen – bewohnt von Personen, die sich dem Gesetz des von ihnen geschaffenen Universums unterworfen haben, in ihren Urbildern oder in den von ihnen im Reich der RESSOURCEN erworbenen geistigen Leibern. Die Anzahl der im Reich der REGELN existierenden Universen ist unbegrenzt.
Dieses Reich besteht wie alle anderen Reiche nicht erst nach dem Tod, sondern gleichzeitig mit der physikalischen Welt, ist ihr vorgeordnet und transzendent. Spätestens nach dem Verlust oder der Aufgabe des physischen Körpers werden wir gewahr, dass wir es immer bewohnt haben.
Die Wirkung von bewusstseinserweiternden Drogen wie LSD und DMT besteht nach diesem Modell nicht in der Vorspiegelung von traumhaften Wahrnehmungen, sondern in einer partiellen Vergiftung und Abschaltung derjenigen Hirnregionen, welche die Wahrnehmung der Reiche der PERSONALITÄT und der REGELN für uns filtern. Die empfundene Wirklichkeit dieser Wahrnehmungen entspringt deren tatsächlich höherer Realität nach diesem Modell. Der Sinn unseres Aufenthalts im physischen Körper besteht darin, Formen zu bilden, die würdig und fähig sind, im Reich der REGELN, der PERSONALITÄT und der EXISTENZ zu überleben.
Auch wenn die Lebendigkeit dieses Reiches gegenüber dem Reich der PERSONALITÄT abnimmt, lebt alles in ihm. Konflikte zwischen den Charakteren auf personeller Ebene werden wie in einem Brennglas und wie in jedem Spiel nach einschränkenden Regeln fokussiert und verstärkt. Die aktiven und passiven Dynamiken treten in diesem Reich als Motivation und Bewertung auf. Das handelnde Subjekt selektiert Möglichkeiten innerhalb der Regelwelt um einen Ausdruck seiner Bestimmung zu erreichen, und im Rück-Pfad bewertet das Subjekt das Ergebnis der Selektion und der darauffolgenden Handlung nach seinen subjektiven Kriterien. Mit Annahme der Bestimmung sucht die Person die Verbindung zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos wiederherzustellen, die im Reich der PERSONALITÄT verloren gegangen war. Auf kosmologischer Ebene stellen die Naturgesetze als Synthese von Subjekt und Objekt die Verbindung zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos her.
Im Zusammenspiel der Personen in Form von Subjekten und Objekten entsteht die Vielfalt und Harmonie der Naturgesetze bzw. Lebensentwürfe auf der Aktionsseite und es entstehen die nach diesen Gesetzen möglichen Universen als Urbilder bzw. verwirklichte Urbilder von Lebensformen auf der Wahrnehmungsseite. Das Reich der REGELN ist ein von Personen bevölkertes Reich, voll von Formen, die die Personen im Rahmen der Regeln produzieren. Alle Formen sind „ungetauft“ und flüchtig bis sie sich im Reich der RESSOURCEN als stabil bewährt haben. Objekt-bezogene Gefühle und Leidenschaften bestimmen das Reich der REGELN: Die Freude des Erfolges und der Ärger des Misserfolges, Schaffens- und Zerstörungslust, Verzweiflung, Frustration.
In Ruhe und Stille spüren wir das unbestimmte Energiefeld dieses Reiches im Inneren unseres Körpers als Lebensenergie oder als transzendenter Raum, der unseren Körper umgibt. Das universelle Urbild des Menschen9 stabilisiert die individuellen physikalischen Körper entsprechend der Lebensgesetze.
Der Wunsch nach Schutz, Balance oder Verfestigung des Ausdrucks der eigenen Person im sehr vielfältigen und dynamischen Reich der REGELN führt zum Begehren einer Inkarnation im Reich der RESSOURCEN. Man kann auch sagen, die Inkarnation soll die Bedeutung der Bestimmung einer Person konkretisieren . Ein ausgeglichenes stabiles (getauftes)10 individuelles menschliches Urbild im Regelreich, ein „geistiger Leib“, ist der zu erringende Preis im Spiel der RESSOURCEN im nächsten Reich.
„Gesammelten Sinnes, vollkommen rein, vollkommen geläutert, fleckenlos, makelgetilgt, geschmeidig, agil, fest unempfindlich richtet und lenkt er auf die Schaffung eines aus reinem Geist bestehenden Körpers so den Sinn. So erschafft er aus diesem Körper einen anderen Körper, formhaft, aus Geist bestehend, dennoch mit allen Gliedern versehen, aber mit übernatürlichen Sinnesfähigkeiten ausgestattet“ - Buddha
Das Verhältnis zwischen unserem geistigen Leib und unserem physischen Leib im Reich der RESSOURCEN gleicht dem Verhältnis von Erotik und Sexualität. Bei genauer Betrachtung ist Sexualität in der Erotik verborgen wie die Erotik in der Personalität verborgen ist.
Die Erschaffung von Urbildern auf kosmologischer Ebene vor ihrer Konkretisierung im Reich der RESSOURCEN entspricht in etwa der Diskussion im Verkehrsministerium über die Bedingungen von Elektromobilität. Jedes Szenario von Regeln kann mit einem resultierenden fiktiven Szenario von Autos beantwortet werden, die nach diesem Regelwerk entstehen würden, obwohl noch kein einziges Auto gebaut wurde. Die fiktiven Autotypen existieren zunächst als Urbilder und werden nach ihrer Realisierung im Reich der RESSOURCEN zur Justierung der Regeln bewertet. Die konkret im Reich der RESSORCEN bewährten Automodelle treten im Reich der Regeln neben ihre Urbilder und transzendieren dort die Zeit.
Ein weiteres Beispiel wären die Regeln eines Fußballspieles. Sie bestimmen den Grad der Harmonie, die sich im Spiel entfalten kann. Während des Spieles im Reich der RESSOURCEN stellen die Regeln die Gesetze dar, an denen entlang sich die Formen des Spieles entfalten. Die Gesamtheit aller konkreten Spiele fixiert das Urbild des „Fußballspieles“, das zur Optimierung der Regeln benutzt werden kann.
Die Tugend des Reiches der REGELN ist die Akzeptanz. Akzeptanz bedeutet nicht Hingabe gegenüber anderen Personen oder Schicksalsergebenheit, sondern die Erkenntnis, dass genau die von uns erlebten Regeln und Aufgaben des Lebens die Konkretisierung der Widersprüche des Reiches unserer eigenen Personalität sind. Akzeptanz als Hingabe gegenüber der Kausalität der Regeln bzw. gegenüber unseren Lebensaufgaben löst die Identifikation mit dem Reich der REGELN und dessen Folgereichen.
Obwohl
im Reich der REGELN und Urbilder die Widersprüche der Personalitäten
gelöst werden, bleibt auch dieses Reich ein Feld des Spiels mit
zunächst flüchtigen Formen, mit Möglichkeiten und
Wahrscheinlichkeiten. Im Reich der REGELN stehen die Personen im
Kostüm ihrer Bestimmung auf der Bühne, die Schachfiguren sind
aufgestellt, die Fußballspieler haben ihre Positionen eingenommen –
das Spiel beginnt aber noch nicht. Es kann noch nicht beginnen, da
der Einsatz noch nicht bestimmt ist.
Jedes Spiel benötigt
begrenzte Ressourcen als Einsatz, sonst ist es sinnlos und es können
keine Entscheidungen getroffen werden, die auf die höheren Reiche
zurückwirken. Auf kosmologischer Ebene besteht das Spielfeld aus der
Raum-Zeit und den Naturgesetzen. Die begrenzte Ressource aber ist die
Energie. Welche Urbilder, welche Verbindungen von Komplexität und
Wahrscheinlichkeit, erweisen sich als stabil und welche werden im
Spiel auf der Bühne des Lebens vergehen?
Metaphysische Aspekte |
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Psycho-Soziale Aspekte |
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Reich |
Triade |
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aktive
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aktive
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Instanzen |
passive
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passive
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Mutterschaft |
1 |
Absicht |
Nähren |
Wachstum |
Integrieren |
Erwartung |
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1 |
Motivationszyklus |
PERSONALITÄT |
Vaterschaft |
2 |
Definieren |
Gestalt |
Beurteilen |
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2 |
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Kindschaft |
3 |
Ausrichten |
Interesse |
Annehmen |
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3 |
|||
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Subjekt |
1 |
Motivation |
Erregen |
Bestimmung |
Akzeptieren |
Bewertung |
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4 |
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REGELN |
Objekt |
2 |
Abwägen |
Herausforderung |
Prüfen |
|
5 |
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Gesetz |
3 |
Aufspannen |
Bedeutung |
Verstehen |
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6 |
1 Das unbestimmte Lösungsfeld des Reiches der PERSONALITÄT (hier auf metaphysischer Ebene interpretiert)
2 In Großbuchstaben als Name des Regel-Reiches zu verstehen
3 In kursiv als Triadenelement zu verstehen, d.h. als Natur- oder Lebensgesetz
4 Hier im Sinne von: „oberhalb der physischen Ebene des Reiches der RESSOURCEN“ – noch nicht inkarniert
5 Man muss davon ausgehen, dass mathematische Axiome nicht der Gestaltungskraft der transzendenten Personen unterliegen
6 Auch in der Bibel wird für den erschaffenden Gott eine Mehrzahlform (Elohim) verwendet
7 Die Wahrscheinlichkeit korrespondiert mit dem Subjekt der Triade, die Komplexität mit dem Objekt der Triade dieses Reiches
8 Der Moment der Gegenwart ist die Position der Welt im Reich der RESSOURCEN innerhalb des Lösungsfeldes der Zeit
9 Konkretisiert im Reich der RESSOURCEN und selektiert im Reich der REGELN
10 Im Sinne von: „im Reich der RESSOURCEN bewährtes“