Schwierigkeiten der Normsetzung und Normdurchsetzung wachsen mit der Größe und Inhomogenität der sozial vernetzten Gemeinschaften. Die Reichweite der Führungsmacht von sozial anerkannten Autoritäten reicht dann nicht mehr aus. Es bilden sich Gruppen, die gemeinsame Interessen oder Werte gegen andere Gruppen durchsetzen und personenunabhängig legitimieren wollen. Um innere und äußere Konflikte innerhalb und zwischen Gemeinschaften weiterhin lösen zu können, entsteht das Reich der GESELLSCHAFT. Es löst die Widersprüche zwischen Gruppeninteressen und Gruppenwerten und schafft als Synthese das unbestimmte Lösungsfeld des Rechts.
Diese Widersprüche werden im Reich der GESELLSCHAFT jeweils durch selbstbezügliche und selbstzentrierte Institutionen repräsentiert:
Wirtschaftliche Institutionen bündeln die individuellen Triebkräfte zur Autonomie als gemeinsame Interessen in personen-unabhängigen Organisationen innerhalb einer GESELLSCHAFT mit dem Ziel der arbeitsteiligen Wertschöpfung für die GESELLSCHAFT.
Kirchliche bzw. ethische Institutionen repräsentieren die Werte einer GESELLSCHAFT. Typischerweise existiert eine maßgebliche Institution oder mehrere Institutionen teilen gemeinsame Werte. Die durch diese Institutionen personenunabhängig definierten Werte setzen idealerweise die moralischen Auffassungen aller in der Gesellschaft vertretener Gemeinschaften um. Interpersonelle Konflikte werden durch den Werterahmen einerseits zu intrapersonellen Konflikten gemacht – andererseits durch transzendente Ideen wie Wiedergeburt oder himmlischen Lohn und höllische Strafe fiktiv ausgeglichen. Die repräsentierten WERTE dieser Institutionen setzen den Werte-Rahmen für die Begrenzung von Einzel- und Gruppeninteressen, wie sie durch wirtschaftliche Institutionen vertreten werden.
Politische Institutionen (der Staat) sorgen für den Ausgleich zwischen den Interessen der wirtschaftlichen Institutionen und den Werten der Gesellschaft. Konflikte zwischen Interessen und Werten werden nicht nur temporär ausgeglichen, sondern erhalten einen personenunabhängigen, stabilen Ordnungsrahmen.
Institutionen müssen sich auf Grund ihres Ursprungs im Reich der GEMEINSCHAFT moralisch gegenüber der Gemeinschaft legitimieren. Sie erhalten ihre Berechtigung durch ihren Auftrag, im Interesse der Gemeinschaft Moral in ihrer speziellen Domäne durchzusetzen. Um diese Berechtigung auszudrücken, geben sich Institutionen eine symbolische Identität, welche die natürliche Autorität von Personen ersetzt. Einmal entstanden, setzen sich Institutionen auf Grund Ihrer selbstzentrierten Organisation jedoch regelmäßig selbst bzw. die von ihnen vertretenen Werte oder Interessen als Legitimation ein. Dadurch behindern sie den eigentlich erforderlichen Prozess einer permanenten Überprüfung und Bestätigung ihrer Legitimation durch die nur vernetzt organisierte Gemeinschaft: Kirchen setzten ihr exklusives Verhältnis zu Gott bzw. zu heiligen Schriften als Legitimation ein. Staaten setzen sich selbst als Legitimation – „Rom“, „Amerika“, „Europa“ – oder führen in großen Abständen Wahlen durch, deren Versprechen jedoch nicht bindend sind. Für Firmen wird der Gewinn eine ausreichende Legitimation, welchen Preis die ausgebeutete Umwelt oder Gemeinschaft selbst auch dafür zahlen muss.
In Zeiten eines starken Primats nur einer der drei Institutionen innerhalb einer GESELLSCHAFT (Römisches Reich, Mittelalter, Kommunismus, Endphase des Kapitalismus) erzeugt die primäre Institution Ersatz-Institutionen der jeweils anderen beiden unterdrückten Institutions-Typen innerhalb ihres Machtbereiches. Im Mittelalter war die Kirche dominierend und schuf sich eigene wirtschaftliche und politische Strukturen. Das Römische Reich und der Kommunismus mit jeweils einer Dominanz des Staates funktionierten nur, weil die Wirtschaft und ein dominanter Kult in den Staat integriert wurde. Der globale Kapitalismus versucht seine Macht durch Schaffung eigener Werte-Systeme (Klima-Religion) und mittels globaler (quasi-staatlicher) Organisationen zu sichern.
Die Menschen des GEMEINSCHAFT-Reiches tauschen also die authentischen aber subjektiven Konfliktlösungsstrategien der Gemeinschaft gegen die verlässlich zugesprochenen Rechtstitel der Gesellschaft. Dafür gestehen sie den Institutionen Personeneigenschaften und Macht zu. Die aktive Dynamik im Reich der GESELLSCHAFT ist die institutionalisierte Macht, die passive Dynamik ist die Ordnung. Das Zusammenwirken der drei Typen von Institutionen und ihrer Organe und Agenten schafft unsere komplexen Gesellschaften mit allen ihren zivilisatorischen Errungenschaften.
Zu den Agenten der Institutionen gehören nach diesem Modell auch Medien, Banken, Wissenschaft, Bildungswesen und die Kultur. Parteien als Agenten von Bevölkerungsgruppen sind zwar als Institutionen organisiert, funktionieren aber wie Gemeinschaften. Als solche besiedeln sie staatliche Institutionen und verhelfen ihnen zu einem Gleichgewicht der Interessen im Rahmen ihrer Legitimation. Eliten sind Gruppen von Personen in Institutionen oder ihren Agenten, die formal zu Entscheidungen legitimiert sind. Ihnen gegenüber stehen die „Populisten“ als Vertreter nicht formal legitimierter Gruppen der Gemeinschaft. Ideologien sind in die Gesellschaft projizierte psychische Verfassungen mit geringer Universalität bzw. Ausgeglichenheit in den reellen Reichen. Pragmatismus sucht als Gegenpol diese Ausgeglichenheit in der Naturgesetzlichkeit des Reiches der RESSOURCEN wieder zu entdecken.
Die Qualität der Institutionen als das Maß der Umsetzung der im Volk lebendigen Moralvorstellungen bestimmt maßgeblich die materielle Lebensqualität und die Freiheit des Volkes.
Das ideale Verhältnis der Institutionen zueinander wird nach diesem Modell durch das Verhältnis der zu organisierenden Werte bzw. Interessen bestimmt und ergibt sich logisch wie folgt:
Die Kirchen als Hüter der Werte oder zukünftig besser ein in direkter Demokratie legitimierter Ethikrat organisieren die Werte im Auftrag der Gemeinschaften, Individuen bzw. Familien eines Hoheitsgebietes. Sie entscheiden Wertekonflikte, geben den verbindlichen Werterahmen für den Staat vor und kontrollieren seine Umsetzung.
In Deutschland sorgt gegenwärtig das Verfassungsgericht für die Konsistenz und Stabilität der im Grundgesetz allgemein und statisch definierten, christlich dominierten Werteordnung. Von einzelnen Parteien hervorgehobene Werteorientierungen wie Umweltschutz oder Überfremdungsschutz sollten besser auf dieser Ebene diskutiert und definiert werden. Ein demokratisch legitimierter Ethikrat würde unabhängig von staatlichen und wirtschaftlichen Institutionen Werteprioritäten aushandeln und über einen Einfluss auf Wissenschaft, Medien, Bildung, Kultur und Recht den Ordnungsrahmen der Gesellschaft definieren.
2. Der Staat organisiert im Rahmen der von Kirchen bzw. vom Ethikrat vorgegeben Werterahmen die Rechtsetzung und Rechtsdurchsetzung und befriedet so Konflikte zwischen den für die Gesellschaft ausgehandelten Werten und den unterschiedlichen Interessen von Gruppen. Dabei berücksichtigt er insbesondere die Interessen von nicht organisierten Bevölkerungsteilen ohne Lobby.
Hier wird deutlich, dass der Staat keine widersprüchlichen Werterahmen umsetzen kann. Das ist der Grund, warum Bevölkerungsgruppen mit abweichenden Wertesystemen regelmäßig Subkulturen bilden – seien es Einwanderer, radikale politische oder radikale religiöse Gruppen.
3. Wirtschaftliche Institutionen organisieren Wertschöpfung und Tauschgerechtigkeit im Rahmen rechtlicher Vorgaben.
Die Begriffe „Werte“ und „Interessen“ werden hier im Sinne von Gemeinschaftsbezogenheit nach Kohlberg benutzt. Interessen entstehen aus Absichten von Individuen oder Gruppen, die gegen andere Individuen oder Gruppen durchzusetzen sind (Reich der PERSONALITÄT). Werte entstehen aus dem Willen von Individuen oder Gruppen mit dem Anspruch, ordnend für die gesamte Gemeinschaft zu sein (Reich der EXISTENZ). Recht ergibt sich aus der Regelhaftigkeit von Subjekt-Objekt-Beziehungen, wie es für das Reich der REGELN typisch ist.
Damit spiegeln sich nach dem Prinzip der Selbstähnlichkeit die drei reellen Reiche innerhalb des Reiches der GESELLSCHAFT (siehe auch Kap. 14).
Wie das Reich der GEMEINSCHAFT und von diesem abgeleitet gründet sich auch das Reich der GESELLSCHAFT auf der Kollektivierung von universellen Ideen und ihren individuellen Abbildern in den Denksinnen der Menschen. Wir haben gesehen, dass diese Abbilder sich mit Körper- und Sinneswahrnehmungen verbinden und von einem Selbstbild geleitet sind. Das so entstandene ICH, das künstliche SELBST, ist kein lebendiger Körper in einer lebendigen Welt, sondern ist in einem sterblichen Körper gefangen, um mit ihm um Ressourcen zu kämpfen. Aus der Kollektivierung der vom ICH vereinnahmten Ideen, Werte und Interessen sind Institutionen gebaut. Diesen kollektiven Konstruktionen des Denkens, ausgestattet mit einer nicht-menschlichen Identität, geben wir die Macht, unsere sozialen Beziehungen zu ordnen. In sie investieren wir unsere Lebenskraft. Institutionen wiederum benutzen Personen, indem sie ihnen Funktionen in ihrer Struktur zuweisen und sie mit ihrer von uns verliehenen Macht korrumpieren. Sie verwalten unser kollektives Eigentum und schaffen Sicherheit. Sie sammeln Wissen und organisieren die Produktion von Waren. Sie erheben Steuern und verteilen Überschüsse. Wir bestätigen uns gegenseitig täglich ihre Legitimation, als wären Institutionen wirklich unabhängig von uns. Im Machtbereich der Institutionen fühlen wir uns frei – frei von moralischen Zwängen, frei von der Enge der Familie, geschützt vom Recht.
Doch obwohl sich das Leben in einem Rechtsstaat freier anfühlt als in einem Familien-Clan, ist die Abhängigkeit geblieben – denn die Institutionen haben die Unbestimmtheit der Widersprüche zwischen Individuum und Gesellschaft vergrößert: Sie kollektivieren die Energie von vielen Menschen, haben aber kein SEIN und kein Maß eines Menschen. Sie sind seelenlos und maßlos. In Umsetzung des immanenten Quellens des SEINs müssen sie wachsen. Unser Denken hat Monster geschaffen und ohne unser Gegensteuern werden wir zu ihren Sklaven – als Mitarbeiter einer Institution oder als ihr Opfer.
Was wir als „Fragilität“ der Demokratie wahrnehmen, ist vielleicht darin begründet, dass die Entstehung und Aufrechterhaltung echter Mitbestimmung des Volkes nur in Gesellschaften möglich ist, in denen der Anteil produktiv tätiger Menschen die Mehrheit bildet. Dies ist in Gesellschaften der Fall, in denen Solidarität und Kooperation traditionell lebenswichtig sind oder waren, wie z. B. In den nordeuropäischen Agrargesellschaften und in den expandierenden Industriegesellschaften. Wenn der produktive Anteil einer Gemeinschaft unter einen kritischen Wert sinkt, wird die Gesellschaft von ihrem nichtproduktiven Teil dominiert, dessen Gruppen in den Institutionen um ihren Anteil am Gemeinschaftsvermögen kämpfen. Dies kann der unproduktive Erlös aus dem Verkauf von Bodenschätzen sein, die Verteilung überschüssiger Lebensmittel in Ländern hoher Fruchtbarkeit, Subventionen anderer Länder oder der Reichtum moderner Gesellschaften, der von nur Wenigen durch Technologie erzeugt werden kann.
Die Institutionen der Demokratie, einer Legitimierung gegenüber der produktiven Minderheit nicht mehr verpflichtet, ersticken dann an ihrer Übernahme durch Gruppen der unproduktiven Mehrheit.
Die Tugend des Reiches der GESELLSCHAFT ist die Distanz. Sie durchschaut die Scheinpersönlichkeit der Institutionen, ermöglicht ihre Reformierung und verhindert ihre Exzesse. Das zwanghafte Wachstum der Institutionen erfolgt jeweils nach innen und nach außen:
Der Staat wächst nach außen durch territoriale Expansion
oder Bündnisse und nach innen, indem er immer mehr Funktionen der Gemeinschaft unter seine Kontrolle nimmt und immer mehr wirtschaftliche Aktivitäten besteuert.Firmen wachsen nach außen über Vergrößerung ihrer Absatzgebiete bzw. Kartellbildung oder Firmenübernahmen und schaffen neue Märkte durch Innovation. Nach innen schaffen sie einen Arbeitsmarkt und beuten ihn mehr und mehr aus.
Kirchen wachsen nach außen über Missionierung und nach innen über immer mehr Lebensvorschriften für ihre Mitglieder.
In welchem Reich aber konkretisiert sich das Wachstum der Institutionen? Es ist das siebente und letzte Reich, die unterste Sprosse der „Himmelsleiter“, das Spielfeld der Institutionen. Es ist das Reich der ultimativen Veräußerung der Widersprüche der EXISTENZ.
Den Akt der durch die Institutionen organisierten Veräußerung nennen wir „Selbstverwirklichung“ oder „Karriere“. Vor nicht allzu langer Zeit war er als „Opfer für das Vaterland“ bekannt. Die besten Christen oder Klima-Jünger gefallen sich auch heute noch in unterschiedlichen Arten der Selbstgeißelung. Der Einsatz der Institutionen in diesem Spiel sind „menschliche Ressourcen“, also wir selbst: entweder unser physischer Körper oder unsere geistige Identität. Eine Siegprämie aber gibt es nicht. Überleben ist der Sieg.
Dieses siebente Reich, in dem Institutionen ihren Wachstumszwang konkretisieren, nennen wir das FELD. Es gipfelt im Krieg, wenn die entstehenden Konflikte durch staatliche Institutionen ausgetragen werden. Sind Firmen die austragenden Institutionen, sprechen wir vom Markt. Im Auftrag der Kirchen führt das ICH Krieg gegen unser SELBST.
Metaphysische Aspekte |
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Psycho-Soziale Aspekte |
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Reich |
Triade |
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aktive
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aktive
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Instanzen |
passive
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passive
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GEMEINSCHAFT |
Individuum |
1 |
Autonomie |
Abweichung |
Gewohnheit |
Internalisierung |
Sicherheit |
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1 |
Institutions-Zyklus |
Gruppe |
2 |
Rebellion |
Konflikt |
moralische Arbeit |
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2 |
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Führer |
3 |
Sanktion |
(Moral) – Norm |
Loyalität |
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3 |
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GESELLSCHAFT |
Wirtschaft |
1 |
Macht |
Erwerben |
Akkumulation |
Unterordnung |
Ordnung |
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4 |
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Kirche |
2 |
Verbieten |
Beschränkung |
Verzichten |
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5 |
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Staat |
3 |
Verteilen |
Recht |
Empfangen |
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