1. 12. Das Reich des FELDES

Unsere „Himmelsleiter“ endet im letzten der sieben Reiche, im Reich des FELDES. Hier finden die Widersprüche, die im Reich der EXISTENZ ihren Anfang nahmen, endgültig ihre Balance mittels Fusion oder Inklusion der widersprüchlichen Strukturen. Krieg, Markt1 sowie die von den Kirchen betriebene moralische Repression ihrer Mitglieder sind die Schlachtfelder der Synthese zwischen Wachstum und seiner Begrenzung mit dem Ziel der Balance. Die Begrenzung des Wachstums der Institutionen erfolgt entweder durch das Aufbrauchen der beteiligten Ressourcen oder durch die ebenfalls wachsenden Mitspieler auf dem FELD.

Die Triade, welche die Widersprüche des Reiches der GESELLSCHAFT und ihrer Institutionen konkretisiert lautet also: Wachstum-Begrenzung-Balance

Nachdem mit der Fähigkeit der Selbstorganisation die Unbestimmtheit der Widersprüche seit dem Reich der RESSOURCEN wieder zunahm, erreicht sie jetzt im Reich des FELDES ihr Maximum. Die Unbestimmtheit des FELDES spiegelt die Unbestimmtheit der EXISTENZ wider.

Der passive Aspekt der Inklusion bzw. der Fusion von Widersprüchen im Reich des FELDES ist, das Erreichen der angestrebte Balance nicht die Exklusion oder Zerstörung eines Partners, sondern das „aufgenommen werden“. Das Ziel des Krieges oder wirtschaftlicher Aktivität ist in der Regel die Inklusion des Marktpartners bzw. die Schaffung neuer Regeln der Verflechtung. Inklusion kann sich auch auf spezielle Ressourcen eines Territoriums beschränken, wie es bei der Aneignung von Rohstoffen, Rechten für Pipelines oder Wanderungen von Arbeitskräften in Arbeitsmärkte geschieht. Auf dem FELD der Selbstkontrolle geht es um die Unterwerfung der aus den reellen Reichen geerbten Antriebe unter die durch die Institution der Kirche vertretenen Wertevorstellungen.

Wo soziale Sicherheit nach innen und Abgrenzung nach außen nicht mehr von den gemeinschaftlich vereinbarten Normen und ihren Autoritäten aufrechterhalten werden, sind es nicht mehr Stämme oder Völker, die gegeneinander in den Krieg zu ziehen. Es sind die von den Völkern geschaffenen und legitimierten Institutionen, die Völker gegeneinander in Stellung bringen, um selbst zu wachsen oder zumindest zu bestehen. In der Wirtschaft nehmen Expansionspläne weder auf die Belegschaft noch auf die Kunden Rücksicht.

Obwohl der soziale Sinn der Wirtschaft darin besteht, deren Interessen auszugleichen, verlieren bei der Kartellbildung am Ende oft beide Gruppen. Die Institutionen und diejenigen Gruppen, die diese für individuelle Ziele benutzen, sind die temporären Gewinner, bis das gesamte Spiel zu seinem Ende kommen muss.

Die Tugend des Reiches des FELDES ist die Fairness in den Außenbeziehungen und die Loyalität in den Innenbeziehungen. Durch diese wird die Würde der Menschen auf dem FELD gewahrt und der Friedensschluss auf dem FELD möglich.

Da Institutionen ihre Legitimation aus ihrem Auftrag der sozialen Gemeinschaften herleiten, Moral zu garantieren, ist die Legitimation von Wachstum in Form Kriegen, Ausbeutung und Selbstausbeutung durch die Institutionen ohne Täuschung des Volkes nicht möglich.

Die sieben Täuschungen der Institutionen:

Während der Mensch im Reich der RESSOURCEN noch als souveräner Spieler auftrat, im Reich der GEMEINSCHAFT sozial verflochten war und im Reich der Institutionen die Chance der Gestaltung oder Distanzierung hatte – im FELD ist der Mensch selbst zur Ressource geworden. Die Regeln des FELDES, sei es im Markt, im Krieg oder im Kampf gegen seine eigene Natur, sind ihm auferlegt. Sie sind der Ausdruck der Regeln der Evolution auf kultureller Ebene. Für die beteiligten Institutionen ist der Kampf auf dem FELD existentiell. Für die Menschen, die stellvertretend für die Institutionen den Kampf austragen, gilt dies oft nur bedingt oder gar nicht, ob sie auf der Suche nach Ruhm und Ehre singend in die Schlacht ziehen oder nur widerwillig ihr Leben oder ihre Lebenskraft aufopfern. Um die Menschen als Werkzeuge der Wachstumsziele der Institutionen zu instrumentalisieren, müssen sie in der Regel manipuliert werden.

Die folgenden sieben Täuschungen der Institutionen erfolgen nach diesem Prozessmodell systematisch. Sie entstehen dadurch, dass in jedem Einzelfall die kollektivierte Energie und die scheinbare Legitimation der Institutionen stärker erscheint als die Möglichkeiten ihrer Kontrolle durch die sie begründende und legitimierende Gemeinschaft.

Zusätzlich zu den hier beschriebenen systematischen Täuschungen und Selbsttäuschungen der Funktionsträger von Institutionen kommt es auch zu bewusstem Missbrauch von Institutionen durch Personen oder Gruppen. Deren Motivation entspringt nicht der Verblendung durch den Denksinn oder einem purem Wachstumsstreben sondern einer bewusst von einer Person oder Gruppe ausgelebten individuellen Dysbalance der Qualitäten des Reiches der EXISTENZ.2

Die Mittel-Zweck-Täuschung:

Zur Legitimation von Kriegen brechen staatliche Institutionen Moral, vorgeblich um Moral zu garantieren. Um ihren Auftrag der Sicherheit für die Gemeinschaft zu erfüllen, schaffen sie die größte denkbare Unsicherheit durch exzessives Wettrüsten, solange die Mittel dazu ausreichen. Der seit der atomaren Rüstung existierende Frieden im globalen Maßstab hat seine Ursache nicht im „Gleichgewicht des Schreckens“. Dieses hat es schon jahrelang im ersten Weltkrieg gegeben. Er hat seine Ursache in der Verbundenheit im drohenden Untergang, die es bisher für die Eliten der staatlichen Institutionen in dieser Form nicht gab.

In der Wirtschaft besteht die Mittel-Zweck-Täuschung darin, die Arbeit als Zweck und das Leben als Mittel zum Zweck darzustellen. Wörter wie „Arbeitgeber“ und „Selbstverwirklichung“ dienen dazu sowie die Verbreitung der Ansicht, dass jeder nur auf der Welt sei, um Karriere zu machen. Die Stufen der „Himmelsleiter“ werden durch die Stufen der Karriereleiter ersetzt. Eine natürliche gegenseitige Ergänzung menschlicher Talente, die in unserer arbeitsteiligen Gesellschaft jeden seinen Platz finden ließe, ohne wie ein Alpha-Wolf darum kämpfen zu müssen, wird durch extremen internen Wettbewerb ersetzt. Sogar Künstler, die von der Vielfalt leben, müssen in der Arena den „größten“ Sänger oder Literaten unter sich ausmachen.

In den Kirchen wird der höchste Wert, unser Leben, zum Mittel gemacht. Es muss nach den Regeln der Kirchen zur Arbeit, zum Kampf oder zu Taten der Nächstenliebe eingesetzt werden gegen die Hoffnung, nach dem Tod ein ewiges Leben zu erlangen. Unsere natürliche Identität als zeitloses Selbst, unser Leben als immanentes SEIN wird geleugnet. Die Verteidigung der von den Kirchen definierten Religion, ihrer Legitimation und ihrer Ressourcen wird zum Zweck des Lebens.

Die Zeit-Täuschung:

Kein Volk würde in einen Krieg ziehen, wenn man ihm vorher sagte würde, wie lange er dauern würde. Er ist auch für die Überlebenden nie zu Ende. Die Zahl der Selbstmorde unter Vietnam-Veteranen ist höher als die der US-amerikanischen Kriegstoten.

Kein Banker an der Wall-Street will oder kann den Stress des Jobs das ganze Leben aushalten.

Es geht für ihn darum, in kurzer Zeit so viel Geld zu verdienen, dass er sich zur Ruhe setzen kann. In den Firmen wird die Zeit in „Projekte“ verpackt. Es entsteht die Illusion, dass nach Abschluss des Projektes eine Ruhepause eintreten würde, die zur Regeneration ausreicht. Der Druck in den High-Tech-Firmen des Silicon-Valley ist so groß, dass viele nur noch mit dem richtigen Mix aus aufputschenden Drogen, beruhigenden Drogen und Kreativitäts-Drogen überleben können.

Nach dem Willen der Kirchen dürfen wir im Zeitlichen kein Heil erwarten. Die Täuschung darüber, dass sie dieses Heil nicht (mehr) vermitteln können, würde ja irgendwann auffliegen. Der Lohn für unseren Glauben (als „für wahr halten“ ein Akt des Denksinnes) wartet unkontrollierbar nach dem Tod. Die Hoffnung (ein Akt des Denksinnes) wurde zu einer Tugend gemacht, damit wir nie die Göttlichkeit der Gegenwart, den Frieden der Hoffnungslosigkeit, entdecken.

Die Werte-Täuschung:

Im Krieg ist es anfangs gewöhnungsbedürftig, dann wird es normal: Der höchste Wert der Zivilgesellschaft, das Leben des Einzelnen, ist nichts mehr wert, wenn es um das Kriegsziel, die Durchsetzung von „Moral“ mit institutionellen Mitteln geht. Gekämpft wird bis zum letzten Mann. Der Sieg steht höher als der Tod. Die Opferbereitschaft, die im Einzelfall einen hohen moralischen Wert haben kann, wird im Krieg pervertiert. Wenn es einen Sieger des Krieges gibt, ist es eine Institution, sicher kein Volk. In alten Zeiten, als wirklich noch Völker gegeneinander um die nackte Existenz kämpften, wurde der Kampf oft nur stellvertretend von den besten Kämpfern der Völker geführt.

In der Wirtschaft besteht die Wertetäuschung für Angestellte darin, dass das Geld als das Zugriffsrecht auf Ressourcen zu hoch bewertet wird. Das hängt auch damit zusammen, dass auf der Marktseite alles dafür getan wird, um die Ware als höchstes erstrebenswertes Gut zu bewerben. Wissenschaftler haben festgestellt, dass statistisch gesehen überdurchschnittliches Einkommen nicht glücklicher macht.

Die Kirchen legitimierten sich durch den Anspruch, dass sie über die höchsten Werte exklusiv verfügen würde. Es ist oft die Auslegungshoheit über Schriften anerkannter Religionsstifter, Reliquien oder die Verbindung sozialer oder biologischer Ereignisse mit kirchlichen Ritualen. Kirchen definieren willkürliche Moralnormen, erzeugen künstliche Moralvergehen (Sünden) und verkaufen Vergebung. Wie es gerade passt, sollen wir unsere Feinde lieben oder sie im Namen Gottes töten.

Die Vertrauens-Täuschung:

Misstrauen ist anstrengend. Es stellt den Misstrauenden an den Rand der Gesellschaft und bürdet ihm die schwierige Rolle auf, Entscheidungen der Institutionen nachzuvollziehen und zu hinterfragen. Noch schwieriger wird es, wenn man als einsamer „Misstrauer“ zu dem Schluss kommt, dass der Krieg gar nicht geführt werden muss! Es ist der Stoff für Heldengeschichten – wenn jemand aus dem Umfeld die Geschichte überlebt, um sie zu erzählen.

In vielen Spielfilmen dürfen einsame Helden die schwarzen Schafe des „Systems“ bekämpfen, als wäre dies eine Aufforderung zur Zivilcourage. Allerdings wird nach Bereinigung des Systemfehlers durch Tod des korrupten Beamten die Institution selbst nicht in Frage gestellt. Von einsamen Wölfen geht auch nicht wirklich eine Gefahr für Institutionen aus.

Die Vertrauenstäuschung in der Wirtschaft geschieht natürlich oft marktseitig. Verbraucherschützer versuchen, das Schlimmste zu verhindern. Angestellte vertrauen auf angemessene Gewinnbeteiligung im Rahmen ihrer Entlohnung und auf sichere Arbeitsplätze. Ihnen wird suggeriert, dass es Aufgabe und Privileg der Wirtschaft sei, Arbeitsplätze zu schaffen und zu erhalten. Die Zuschreibung sozialgemeinschaftlicher Aufgaben an Firmen ist jedoch eine Fiktion. Freiwillige soziale Aufgaben können im Interesse der Selbstbehauptung und wegen des Konfliktes mit den Renditeerwartungen der Eigentümer auf dem Markt von Firmen nur übernommen werden, soweit es ihrem Interesse dient. Die Vertrauenstäuschung der Kirchen besteht in der Anmaßung ihrer Amtsträger, eine Mittlerfunktion zwischen Gott und den Menschen wahrzunehmen zu können. Wer ihren Amtsträgern glaubt, wird es schwerhaben, seine eigene Göttlichkeit zu entdecken und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Die Gestaltungskraft individuellen Glaubens wird durch die Passivität des vertrauenden Schafes ersetzt. Der Glaube, der als Wille des Herzens in der Person wurzelt, wurde in modernen Bibelübersetzungen zu „Vertrauen“ umformuliert:

Wenn euer Vertrauen auch nur so groß wäre wie ein Senfkorn, dann könntet ihr zu dem Maulbeerbaum dort sagen: ‚Zieh deine Wurzeln aus der Erde und verpflanze dich ins Meer!‘, und er würde euch gehorchen. – Jesus in der Übersetzung der „Guten Nachricht“, Lk. 17,6

Die Polaritäts-Täuschung:

Die Polaritäts-Getäuschten gehen davon aus, dass den Leitern der Institution die Interessen oder zumindest die Fakten der Basis wichtig seien, um in den Stäben der Generäle und Konzerne die richtigen Entscheidungen für den Sieg zu treffen. Sie verkennen, dass das Ziel der Institution, der vorgebliche zu erlangende Sieg über andere Institutionen, selbst eine Täuschung ist. Der Wachstumsimpuls der Institution entspringt ja nicht ihrer legitimen Aufgabe. Dann würde sie wie eine inhabergeführte Firma (als Gemeinschaft über Moral organisiert) Kriege vermeiden und im Interessenausgleich mit Marktpartnern ihre Position festigen. Der unmäßige Wachstumsimpuls von Institutionen erwächst aus der mangelnden Distanz zwischen sozialer Rolle und dem Funktionsverständnis ihrer Träger. Ein Mensch des RESSOURCEN-Reiches, in Liebe verbunden mit seinen Mitmenschen, würde erkennen: Hier bin ich als Mensch, dort ist die Institution mit ihrer legitimen Aufgabe, dort ist meine Funktion innerhalb der Institution.
Er würde seine Funktion in der Institution nicht mit seiner sozialen Rolle verwechseln und bei Fehlentwicklungen seine Energie in die Behebung ihrer Störung investieren. Das Beharrungsvermögen der Institution könnte ihn seine Funktion kosten und ihm die Wahrnehmung seiner sozialen Rolle in seiner Gemeinschaft bzw. Familie erschweren. Er würde als Mensch aber weiterleben.

Die Vorteile einer fehlenden Distanz zwischen Bestimmung, Rolle und Funktion selektieren natürlich Funktionsträger in Institutionen, die sich mit ihrer Funktion identifizieren oder sie für eigene Interessen benutzen. Ihr vorrangiges Ziel ist der Erhalt der Funktion. Werden nun Informationen von der Basis bekannt, die eine Kritik oder Korrektur eigenen Verhaltes zum Gegenstand haben oder Kritik an Entscheidungen der Führung der Institution bedeuten, ist es oft von Vorteil für die Funktionsträger der Hierarchie, diese nicht zur Kenntnis zu nehmen.

Nur Institutionen ohne Zwang zum Realitätsbezug, wie die katholische Kirche, scheinen ewig zu leben.
Die Polaritätstäuschung der Kirchen besteht in der Leugnung der Immanenz Gottes. Der transzendente Aspekt wird überbetont und der strafende Gott des Alten Testamentes, den Christus überwunden hatte, wird immer noch – auch in den christlich reformierten Kirchen – instrumentalisiert.

Die Alternativlosigkeits-Täuschung:

Die Arbeitsteilung in Institutionen führt dazu, dass eine Lagebeurteilung nur noch in einem Stab erfolgen kann, der nach den o. g. Regeln der Selektion der Funktionsträger ignorant gegenüber der Realität geworden ist. Informationsfilterung und Selbstzensur erschweren systematisch Meinungspluralität innerhalb der Institutionen. Die subjektive Lagebeurteilung der Institutionsführung wird so „alternativlos“.

Die Alternativlosigkeit von religiösen Dogmen ist für das Selbstverständnis und die Selbstbewahrung jeder Kirche als Institution existentiell wichtig. Das Zulassen von Alternativen würde die Legitimation von Kirchen als Werteinstanzen stärker als andere Institutionstypen grundsätzlich beschädigen. Ein ernsthafter Wille zur Ökumene, schon die Auseinandersetzung mit anderen Religionen oder mit modernen Formen der Spiritualität würde die Identität jeder Kirche in Frage stellen. Spirituelle Erneuerung im Rahmen von bestehenden kirchlichen Institutionen ist deshalb nicht zu erwarten.

Die Vernichtungstäuschung:

Dem Wachstum verpflichtete Institutionen wachsen schnell in neue Märkte und Territorien, solange die Ressourcen nicht begrenzt sind. Den wirtschaftlichen Aufschwung der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg haben wir vor allem den grenzenlos erscheinenden Ressourcen der neuen Märkte zu verdanken, die nach dem Wiederaufbau der Schwerindustrie entwickelt wurden und vergleichsweise ressourcenarm und arbeitskräfteintensiv wachsen konnten. Die staatlichen und militärischen Institutionen in ihrer Blockeinbindung sahen sich allerdings Begrenzungen gegenüber, denen sie mit Vernichtungs-Phantasien des Gegners begegneten. Das unausgesprochene Motto lautete: Frieden wird sein, wenn der Gegner tot ist. Die Gegnerschaft bestand nun aber in zwei politischen Modellen, die sich durch die politische Lagerbildung gegenseitig radikalisierten. Im Grunde ging es um die Vorherrschaft der beiden Institutions-Modelle, die wir bereits kennen: Staat und Wirtschaft. Der Osten stand für eine vorherrschende staatliche Institution, der Westen für freie Marktwirtschaft mit möglichst wenig staatlicher Umverteilung.

Letztendlich siegte auf dem Schauplatz Europas das System, das in der geographischen Mitte des Konfliktes die Freiheit besaß, beide Pole zu vereinen: Die soziale Marktwirtschaft. Ein radikaler Neoliberalismus des Westens mit allen seinen Konsequenzen wäre auch Gorbatschow nicht als das überlegene System vorgekommen, dem man sich annähern sollte.

Auch bei der heute aktuellen asymmetrischen Kriegsführung deuten die Stärken des Gegners immer auf eigene Schwächen hin. Eine vollständige „Vernichtung“ aller Terroristen oder aller Menschen, die eine moderne Industriegesellschaft nicht mehr braucht, ist nicht denkbar.

Zukünftige Gesellschaften werden sich daran messen lassen müssen, wie gut sie staatliche und marktwirtschaftliche Institutionen ausbalancieren und wie sie die Verlierer der Modernisierung integrieren können.

Die Vernichtungstäuschung der Wirtschaft innerhalb eines Industriezweiges ist weniger wahnhaft, weil wertneutrale Produktionsverfahren, Warenwelten und Belegschaften besser mischbar sind. Vernichtung von Konkurrenten wird zur Inklusion von Strukturen und zur Vernichtung von Redundanzen durch Synergie und damit „nur“ zur Vernichtung von Arbeitsplätzen und von Konkurrenz. Die Gefahr der vollständigen Monopolisierung muss staatlich verhindert werden.

Die Kirchen haben erkannt, dass Störungen im sozialen Leben in der Regel durch einen Überschuss an Lebenskraft hervorgerufen werden, die den Aspekt der Autonomie gegenüber bestehenden einschränkenden Moralnormen überbetonen und Gemeinschaften destabilisieren können. In Ermangelung an Strategien, diese Lebenskraft sozial verfügbar zu machen und verführt von dem Machtpotential, das sich mit ihrer Kontrolle eröffnet, definieren Kirchen die biologische Vitalität, den Ausdruck des SELBST im Reich der RESSOURCEN, als das „Böse“.

Der Mensch wird zum Feind seiner eigenen Lebenskraft gemacht und durch den Missbrauch von Deutungsmacht von seiner Wurzel abgeschnitten. Steht ein äußerer Feind zur Verfügung, wird die Lebenskraft natürlich zu seiner Bekämpfung eingesetzt und das „Böse“ wird im Feind vernichtet. Ohne äußere Feinde werden immer wieder auch gern Minderheiten der Gemeinschaft verwendet, das „Böse“ auf sie zu projektieren und dann zu vernichten. In homogenen Gesellschaften der Vergangenheit hat man zu diesem Zweck wenigstens regelmäßig einen Schafbock in die Wüste getrieben.

Die temporäre wirtschaftliche Überlegenheit des Kapitalismus beruht unter anderem auf dem Erfolg der protestantischen Arbeitsethik, die in der Lage ist, jede Form von Vitalität in den Willen zur Erwerbsarbeit zu transformieren. Die Akzeptanz der Selbstausbeutung durch die Gemeinschaft und die Unterwerfung von Familieninteressen bzw. Fortpflanzungsinteressen unter Karriereinteressen führt zur demographischen Selbstvernichtung dieses Systems. Dessen letzte Hoffnung ist es dann, frische Menschenressourcen von außen zuzuführen, was in den USA und den führenden Industrienationen Europas gut zu beobachten ist.

Der Soldat
Von den Institutionen siebenfach getäuscht sitzt nun im Extremfall der Mensch als Soldat verkleidet und mit einer Waffe in der Hand im Morgengrauen in seinem Schützengraben und wartet auf die Schlacht: Was geht in ihm vor? (Das gilt entsprechend auch für Arbeiter und Angestellte morgens in der U-Bahn oder im Stau oder für „Businesskasper“ auf dem Flughafen)

Unser Soldat wird also im Geiste und ggf. auch in Wirklichkeit den Weg der sieben Reiche zurück antreten. Seine Aufmerksamkeit wird die Identifikation mit den Selbstbezügen der imaginären und reellen Reiche entdecken und diese auflösen. Wenn er die Tugend der Demut im Reich der EXISTENZ erreicht hat wird er zu seinem Gott rufen können: Mushkil Badi, Tu hai Kaha “

Dieser Weg wird nicht erst nach seinem Tod beginnen. Alle Menschen sind bereits im Leben auf dem Weg der „Himmelsleiter“ hinab oder herauf unterwegs.

Der Tod als das Heraustreten aus dem Reich der RESSOURCEN und der Zeit wird aber allen dauerhaften Veränderungen unserer individuellen Form ein Ende setzen. Dann, nach dem Spiel, wird sichtbar, ob etwas würdig ist, zu bleiben - welcher Leib, welche Person, welche Liebe wir sind.

Das Prinzip der individuellen Rückkehr durch die Reiche und eines Aufstiegs auf der „Himmelsleiter“ unseres Modells besteht also in einer stufenweisen Identifikation mit den jeweils nächsthöheren Reichen und seinen Prinzipien und Dynamiken:

Wer die Gleichsetzung von Markt und Krieg im Reich des FELDES als überzogen empfindet, mag bedenken, dass in der Konsequenz die Substanz der Bevölkerung von beiden Mechanismen aufgezehrt wird. Der Bevölkerungsrückgang in marktliberalen Gesellschaften ist deutlich der fehlenden Sicherheit und dem empfundenen Leistungsdruck des Marktes zuzuschreiben. Die nicht mehr erfolgende Reproduktion der „Produktivkraft Mensch“, seine „Aufbrauchung“ durch die Wirtschaft ist unabhängig von den sich stets widersprechenden Wirtschaftstheorien wohl das deutlichste Zeichen von Ausbeutung.

Die Anwendung des Kriegsbegriffes im Kontext von Kirchen muss auch nicht weit hergeholt werden. Die geistige Anstrengung zum Erlangen religiösen Heils wurde in allen Religionen rasch in zermürbende Kämpfe gegen seine eigene Natur oder gegen „Feinde des Glaubens“ umgedeutet. Im ersten Fall wird der Mensch von seiner Lebenskraft und seiner Selbstbestimmung abgeschnitten und damit versklavt.
Im zweiten Fall zieht er im Auftrag der Kirchen in den Krieg. Die Kanonen des Ersten Weltkrieges und die Atombomben des zweiten Weltkrieges taten ihren Dienst mit kirchlichem Segen.

Die Zwänge des Krieges und des Marktes erscheinen uns so stark, dass wir geneigt sind, diese wie objektive Gegebenheiten wahrzunehmen. Wir dürfen jedoch nie vergessen, dass wir uns im Reich des FELDES und damit in einem imaginären Reich befinden. Krieg und Markt sind kollektivierte Konstrukte unseres individuellen Denkens und existieren im Grunde nur als Vorstellung.

Da Kriege und harte Auseinandersetzungen um Märkte nach diesem Modell ihre Legitimation nur im Rahmen der Durchsetzung von Werten der betreffenden Gemeinschaft erhalten, stellt sich die Frage nach einem zumindest systemtheoretisch legitimen Kriegsziel. Die Erbeutung von Ressourcen durch die scheinbar überlegene Wertegemeinschaft würde im Gegenzug eine Unterordnung der unterlegenen Gemeinschaft einschließen und die Übernahme der Verantwortung für deren Stabilität erfordern. Konsequent wäre ein Werteexport der Sieger, um anschließend das überlegene Recht der Sieger in den besiegten Gebieten durchzusetzen. Dieses Recht wäre erst dann durch die Annahme der Werte der Sieger durch die besiegte Gesellschaft formal legitimiert, wie es in Deutschland mit der Annahme des Grundgesetzes nach dem zweiten Weltkrieg geschah. In Zeiten der Christianisierung erfolgte der Werteexport durch Zwangstaufen.
Die Römer setzten bis dahin ihr Recht direkt durch, weil bis zum Aufkommen des Christentums Macht als Wert verstanden werden konnte. Heute erfolgt der Werteexport als Kulturexport des Hegemon in die zu dominierenden Kulturen in Form von Medien und Produkten. Die Durchsetzung der Interessen als Recht wird in der Regel wirtschaftlichen Institutionen überlassen. Dabei wird vorausgesetzt, dass religiöse und staatliche Institutionen den wirtschaftlichen Fakten folgen. Wie schon im Römischen Reich wird die Rolle der Werte gegenüber den Interessen nicht berücksichtigt. Dies ist ein Grund für die zunehmenden ideologisch motivierten Auseinandersetzungen. Die drei Institutionen Kirche (Ethik-Rat), Wirtschaft und Staat werden in allen Staaten ihre wahren Aufgaben wahrnehmen und untereinander die richtigen Verhältnisse herstellen müssen. Anderenfalls kaufen die wirtschaftlichen Institutionen das Recht und politische Institutionen definieren in deren Auftrag die Werte der Gemeinschaft.

An der Grenze des Wachstums wird ohnehin die Phase einer globalen Inversion (siehe Kapitel 12) kommen müssen. Die aktiven Dynamiken werden sich nach innen richten und der Embryo der globalen menschlichen Gesellschaft wird seine endgültige Form finden, seine Kulturen gegeneinander abgrenzen und ausdifferenzieren. Die Vielfalt der Kulturen ist darin mit den Organen im menschlichen Körper vergleichbar. Sie bedingen einander und erfüllen ihre speziellen Aufgaben. Eine globale Durchmischung der Kulturen wäre in diesem Vergleich eine grauenhafte Vorstellung.

Eine globale Gemeinschaft mit universellen Werten entsteht nicht, indem alle Unterschiede ausgelöscht werden, weil man sie nicht ertragen kann oder will, sondern indem man Vielfalt, Kontraste und Harmonie in sinnvollen Beziehungen zwischen den Kulturen genießen lernt. Die Auferstehung eines liberalen Orients wäre in diesem Sinne ein Gewinn - aber nicht gerade auf dem Hamburger Fischmarkt oder dem Oktoberfest.

Das Reich des FELDES in seiner positiven Bestimmung besteht also in der Konkretisierung und Ausbalancierung von Institutionen untereinander innerhalb von Gesellschaften sowie im globalen Wettbewerb von „Kulturen“ als sozialen Organisationsformen. Da die Eigenschaften von Personen stark von ihrer sozialen Umgebung abhängig sind, stabilisieren sich erfolgreiche Kulturen, während andere auf dem FELD untergehen oder sich im Pfad der Inversion anpassen müssen.

Der Gegenentwurf zu dieser Globalisierungstheorie als Wettbewerb der Werte und Kulturen wäre eine globale Organbildung durch spezialisierte wirtschaftliche Monopole im Meer eines globalen ungeregelten Marktes. Da wirtschaftliche Institutionen immer nur innerhalb eines Rechtsrahmens agieren dürfen, der durch legitimierte staatliche Institutionen auf Basis von einheitlichen Werten vorgegeben werden muss, ist dieses Modell nur bei einer funktionierenden Weltregierung denkbar. Diese wird sich wegen unterschiedlicher Wertevorstellungen der Nationen jedoch nicht so schnell herausbilden können, wie das technologisch getriebene Wachstum der international agierenden Konzerne geschieht. Die Kontrolle deren ungezügelten Wachstums ist deshalb zunächst nur durch eine Föderation von Nationalstaaten möglich und die Ursache ihrer gegenwärtigen Renaissance.


Metaphysische Aspekte


Psycho-Soziale Aspekte















Reich

Triade


aktive
Dynamik ↓

aktive
Prozessphasen

Instanzen

passive
Prozessphasen

passive
Dynamik ↑















GESELLSCHAFT

Wirtschaft

1

Macht

Erwerben

Akkumulation

Unterordnung

Ordnung


1

Markt/Kriegs-Zyklus

Kirche

2

Verbieten

Beschränkung

Verzichten


2

Staat

3

Verteilen

Recht

Empfangen


3










 

FELD

Wachstum

1

Ausdehnung

Anspruch

Kampf

Eingliederung

Auflösung


4

Begrenzung

2

Erklärung

Verhandlung


5

Balance

3

Vergleich

Kapitulation


6




1 Der Begriff „Markt“ wird hier in seiner Bedeutung als Ort der Konfrontation zwischen Wettbewerbern benutzt

2 Die höhere Motivation dieser Personen, mit Hilfe einer Funktion innerhalb einer Institution die eigene Disbalance durch strukturelle Macht zu kompensieren, selektiert diese als Funktionsträger innerhalb der Institutionen, was systematisch eine zunehmende Dysbalance von Institutionen verursacht.

11. Das Reich der GESELLSCHAFT 13. Die Inversion