1. 15. Die Wahrheit und die Wirklichkeit

Wahrheit ist ein hohes Gut. Alles steht auf dem Spiel, wenn es um die Wahrheit geht. Außerhalb der Wahrheit kann es kein Heil geben. Bei der Definition von Wahrheit stehen sich in der Philosophie traditionell die Lager der Idealisten und der Materialisten gegenüber. Für Materialisten ist das wahr, was unsere Sinne und unsere Instrumente wahrnehmen und was wir als Kausalität reproduzieren können. Die Welt ist objektiv vorhanden, das Bewusstsein ein Produkt des Gehirns. Es erzeugt subjektive Erlebnisinhalte und konstruiert individuelle Bilder der Welt. Es ist die Sicht des von der Form (Blase) umschlossenen ICH- Bewusstseins, die konsequente Sicht des Fisches im Aquarium.

Für Idealisten besteht die Wahrheit aus einem lebendigen Geheimnis, aus dem wir Menschen herausgetreten sind, in dem wir aber verwurzelt sind und das unter bestimmten Umständen erfahrbar ist. Es ist die empfundene Außenansicht unserer Form (Blase) aus der Perspektive des SELBST-Bewusstseins in Verbindung mit unser Herkunft, der Einheit des SEINs.

Beide Weltsichten können Erlebnisinhalte sein und andererseits als Weltbilder Konstrukte des Denksinns sein. Sie erhalten ihre Bedeutung in dem Maße, wie wir sie persönlich empfinden können und sie für uns handlungsleitend werden.1

Ein Materialist, für den es keinen himmlischen Lohn zu erlangen und keine höllische Strafe zu befürchten gibt, müsste konsequenterweise in der Gegenwart leben, jede Sekunde des Lebens auskosten und dem nachspüren, was ihm am meisten Lebensgenuss bringt. Er würde seine innere Balance suchen und würde lernen, sich zu mäßigen. Er würde sich mit Freunden umgeben und keine Zeit mit Streitereien verbringen. Seine Liebe würde er nicht verraten. Er würde die Schönheit der Natur und der Künste entdecken und die Quelle seiner Genussfähigkeit in sich selbst finden. Er würde den Frieden entdecken, der im Loslassen besteht und schließlich – auch ohne Konzept – die Wahrheit des SEINs. Dann würde er seine Zeit nicht mehr mit der Anhäufung toter Gegenstände oder mit Denken verschwenden und keine Verwendung mehr für Begriffe wie Materialismus und Idealismus haben. Er würde die Tugenden der sieben Reiche leben: Gegenüber der Existenz wäre er demütig, gegenüber Personen wäre er tolerant. Seine Bestimmung würde er akzeptieren. In der Welt hielte er das rechte Maß, in der GEMEINSCHAFT suchte er den Kompromiss und in der GESELLSCHAFT die Distanz. Im FELD wäre er fair. Wenn er kämpfen müsste, würde er kämpfen. Seinen Frieden würde es ihm nicht nehmen.

Ein konsequenter Idealist würde sein Leben der Suche nach dem Geheimnis Gottes widmen. Er würde sich nicht damit abspeisen lassen, Gott nach dem Tod zu begegnen. Er würde den Weg zu Gott in sich und im Umgang mit seinen Mitmenschen suchen und die Identifikation mit seiner eigenen Form lösen. Auf diesem Weg würde er lernen, sich zu mäßigen. Er würde sich mit Freunden umgeben und keine Zeit mit Streitereien verbringen. Seine Liebe würde er nicht verraten. Er würde die Schönheit der Natur und der Künste entdecken und die Quelle seiner Genussfähigkeit in sich selbst finden. Er würde den Frieden entdecken, der im Loslassen besteht und schließlich die Wahrheit des SEINs – jenseits aller religiösen Konzepte. Dann würde er seine Zeit nicht mehr mit der Verbesserung der Welt verschwenden und keine Verwendung mehr für Begriffe wie Materialismus und Idealismus haben.
Er würde die Tugenden der sieben Reiche leben: Gegenüber der Existenz wäre er demütig, gegenüber Personen wäre er tolerant. Seine Bestimmung würde er akzeptieren. In der Welt hielte er das rechte Maß, in der GEMEINSCHAFT suchte er den Kompromiss und in der GESELLSCHAFT die Distanz. Im FELD wäre er fair. Wenn er kämpfen müsste, würde er kämpfen. Seinen Frieden würde es ihm nicht nehmen.

Wie steht es nun um Gott im Kontext von Wahrheit und Wirklichkeit? „Gott ist tot“, schrieb Nietzsche, „Wir haben ihn getötet“. Es gibt Kommentatoren, die dies für ein Eingeständnis seiner Existenz halten. Wenn es so wäre, ließe er sich sicher nicht von seinen Geschöpfen töten. Nietzsche sprach über den Gott, den unser Verstand sich vorstellen kann und der als gedankliche Konstruktion von den Kirchen am Leben erhalten und instrumentalisiert wird. Auch dieser Gott kann nicht getötet werden, denn er existiert nur als Vorstellung. Wenn wir unsere Vorstellungen mit Bedeutung nähren, die nicht von der Wirklichkeit bestätigt werden kann, entsteht Wahn.

Der Verstand kann sich Gott unter Berücksichtigung seiner eigenen Beschränktheit nur als Möglichkeit annähern. Ein Bild von Gott zu zeichnen, steht ihm nicht zu2. In diesem Sinne war es notwendig ihn – als Bild – zu töten.

Unser Bewusstsein aber, auf dem Weg vom ICH zum SELBST, kann sich Gott nähern, denn es ist nach unserem Modell ein Teil des SEINs und hat dadurch Anteil an Gott. Diese Gleichsetzung soll nichts über Gott aussagen, nur über die Kategorie des SEINs, die in unserem ontologischen Modell alle Qualitäten, die sich in den Reichen entfalten, enthalten soll.

In unserem Prozessmodell liegt der Ansatz der Wahrheitssuche in den Eigenschaften der beschriebenen Reiche. Jedes Reich hätte isoliert betrachtet seine eigene Wahrheit und würde aus ihr heraus eine Wirklichkeit erzeugen. Ihre Verbindung bzw. die Einheit der Reiche im SEIN wäre eine weitere Wahrheit, die aus den Wahrheiten der einzelnen Reiche heraus nicht erklärt werden kann.

Die Eigenschaften der sieben Reiche produzieren drei Bereiche der Wirklichkeit, die sich grundsätzlich unterscheiden:

  1. Die Wirklichkeit der Reiche der EXISTENZ, der PERSONALITÄT und der REGELN empfinden wir subjektiv in uns und gestehen sie anderen Menschen subjektiv zu. Wir nehmen an, deren Empfindungen seien potentiell analog zu unseren. Das ist legitim, denn diese Reiche sind durch „Entsprechungen“ organisiert. Dazu gehören die Wirklichkeit des Selbstbewusstseins, alle Qualitäten der Empfindung und alle Möglichkeiten der inneren und äußeren Erkenntnis. Die kosmologische Wirklichkeitsebene der reellen Reiche ist uns mit Ausnahme der Naturgesetze nur über Mythen und Symbole (wie in diesem Text) zugänglich – es sei denn, es gelingt uns, unsere Identifikation mit dem Denksinn und unsere Verbundenheit mit dem RESSOURCEN-Reich zu lösen. Dann werden sie übersinnlich erfahrbar.

  2. Die Wirklichkeit des Reiches der RESSOURCEN ist die Wirklichkeit unseres wissenschaftlichen Weltbildes. Dieser Wirklichkeit vertrauen wir, wenn wir in ein Flugzeug steigen. In dieser Wirklichkeit existieren die Kausalität, die Natur, unser lebendiger Körper, seine Sinne und das Denken als Simulation von äußeren Szenarien. Die Wirklichkeit dieses Reiches empfinden wir sinnlich, wenn es uns gelingt, die permanente Konstruktion zeitlicher und sozialer Zusammenhänge in unserem Denksinn zu beenden. Jede vom Denksinn konstruierte Wirklichkeit ist zunächst individuell. Sie muss von der Umwelt durch Handlung bzw. durch Interaktion mit der GESELLSCHAFT generalisiert werden, um eine geteilte Wirklichkeit zu werden.

  3. Die Wirklichkeit der imaginären (sozialen) Reiche basiert auf unserem Denksinn und ist sozial konstruiert. Diese Konstruktionen werden durch permanente Kommunikation und häufige gegenseitige Vergewisserung sozial abgeglichen und als selbstbezügliche Formen aufrechterhalten. Dabei spielen Medien, Kunst und Bildung eine entscheidende Rolle.

Wie im Kapitel 5 beschrieben, bestehen alle Reiche aus Selbstbezügen, die quasi-statische Strukturen erzeugen. Diese Strukturen sind Bahnen innerhalb des SEINs und ineinander verflochten. Das Bild der sieben Reiche zeichnet die Idee einer groben Struktur dieser Verflechtung mit dem Fokus auf die zu Grunde liegenden Prozesse. Ohne die im vierten Reich erfolgte Einführung von Ressourcen und der Zeit ist den Wesen eine gleichzeitige Anschauung aller Ebenen des SEINs möglich. Eine Einschränkung und Fokussierung auf eine der Ebenen ist nicht erforderlich. Im Reich der RESSOURCEN treten die Dynamiken des SEINs „Schauen“, „Erzeugen“ und „Auflösen“ in begrenzter Form als Achtsamkeit auf. Sie sind an die Lebensenergie der Fließgleichgewichte negativer Entropie gekoppelt. Auf Grund der Begrenzung in der Verbindung mit strukturellen Ressourcen entsteht das Unterbewusstsein als Domäne nur temporärer Verfügbarkeit der Aufmerksamkeit. Als Gegengewicht sind wir aber in der Lage, in unserem Denksinn separate Muster zu schaffen, in denen die Dynamiken des SEINs nicht präsent sind. Diese Gedankenformen müssen wir mit unserer eigenen Energie am Leben erhalten.

Durch die Entscheidung, unsere begrenzte Lebensenergie in Gedankenformen zu investieren, identifizieren wir uns mit unseren eigenen Fiktionen, die energetisch mit unserer Energie aufgeladen sind. Aus unserer frei gewählten Inkarnation wird eine Identifikation mit unserem sichtbaren Körper und seinen zu Gedanken gefrorenen Ideen. Durch das Anhaften an Gedanken schaffen wir selbstbezügliche Wesen in uns, die sich von unserer Lebensenergie nähren und durch ihre energetische Geschlossenheit Substanzcharakter und die Tendenz zur Selbstbewahrung besitzen. Sie werden Dämonen genannt.

Unsere gedanklichen Identifikationen können sich auf diese Dämonen beziehen, auf Tätigkeiten, auf Gegenstände, auf Rollen und auf andere Menschen. Manche verwechseln sie mit Liebe. Identifizieren wir uns mit Repräsentanten nicht erfüllter Absichten, projizieren wir diese in unsere Idole und stillen unsere Erwartung an uns selbst mit der Vergötterung eines Wahnbildes.

Die Erkenntnis der Wahrheit des SELBST geht durch die Begrenzung der Ressource Achtsamkeit und der Identifikation mit den von uns in uns geschaffenen fiktiven Formen verloren.

Deshalb schien es Descartes bei seiner Selbsterforschung so, als sei sein wesentliches SEIN das Denken: „Ich denke, also bin ich“. Er hatte seine Identifikation mit dem Denken und seiner Dualität, nicht sein inneres SEIN, wahrgenommen. Durch die Erkenntnis der Himmelsmechanik geschockt und durch die Leibfeindlichkeit der Kirche von der Präsenz des SEINs in seinem Körper entfremdet, nahm er seinen Körper als Maschine wahr. Demgegenüber erschien ihm das Schattenspiel der Gedanken, das er nicht von lebendigen Ideen unterscheiden konnte, als Leben. Es entstand der philosophische „Körper-Denken-Dualismus“, der als „Körper-Geist-Dualismus“ missverstanden wurde und mit dem die Aufklärung begann.

… Ein pubertärer 15-jähriger, voll von Testosteron, sein Gehirn erweicht und offen für die Prägung durch die Arbeitswelt, will sich beweisen, sich eine soziale Identität schaffen und seine Autonomie im Rahmen der gesellschaftlichen Regeln ausleben. In der Realität ist ihm das verwehrt. In der Schule stehen ihm 50-jährige Frauen gegenüber und erklären ihm eine Welt, die diese selbst nur vom Hörensagen kennen. 10 Jahre weiterer „Ausbildung“ stehen ihm bevor. Also zieht er die Gardinen zu, schaltet den Computer ein, wählt sich einen Avatar aus und begibt sich in die simulierte Welt der virtuellen Realitäten, vernetzt mit Freunden, die er persönlich nicht kennt. Hier erlebt er das, was ihm das Leben vorenthält. Auch hier sind seine Ressourcen begrenzt. Alles fühlt sich echter an als sein Leben. Sein Gehirn speichert die Erfahrungen des Spiels ab, wie ein Fischerjunge damals die Tricks zum Fangen der Fische. Das Spiel wird sein Leben. Er ist mit seinem Avatar identifiziert. Wenn man jetzt den Stecker aus dem Computer zieht und den Jungen fragt, was er wahrnimmt, wird er sagen: „Nichts“. Das dunkle Zimmer mit den Essensresten der letzten Wochen blendet er lieber aus.

Eine Identifikation auflösen, wenn das Spiel vorbei ist – im Angesicht des Todes oder in Meditation – ist nicht immer erfreulich, aber immer heilsam.

Auch Computer-Rollenspiele bilden die sieben Reiche unseres Modells ab: Die Wahl des Computerspiels (Ego-Shooter, Strategiespiel…) entspricht dem Reich der EXISTENZ. Die Wahl des Avatars und seines Charakters entspricht dem Reich der PERSONALITÄT. Die Annahme der
„Quest“ (Mission) erfolgt im Reich der REGELN. Der Spielplan repräsentiert die Welt mit ihrer Naturgesetzlichkeit. Es können informelle Gruppen (Gemeinschaften) und formelle Gilden (GESELLSCHAFTEN) gebildet werden, die sich im FELD des Spieles begegnen.

Schaffung von Identifikation und Auflösung von Identifikation ist die Methode unserer Bewegung durch die Reiche. Ein Werkzeug dazu ist die Aufmerksamkeit, welches die Dynamiken des SEINs ausrichtet. Sie ist unser Erbe des transzendenten formlosen SEINS. Das Erbe des immanenten SEINs ist die Empfindung der Lebensenergie in uns. Um die beiden Aspekte des SEINS wieder zu verbinden, neigt die Aufmerksamkeit dazu den Ort aufzusuchen, wo diese Energie zu spüren ist. Lust und Schmerz organisieren das auf biologischer Ebene.

Die Identifikation mit Energie in ihrer bewegten Form hat jedoch ihren Preis. Wenn sie geflossen ist, bleiben wir leer zurück. Diese Leere ist der Grund für die verzweifelten After-Show-Partys, für die Suche nach dem nächsten Kick. Entscheiden wir uns für den Frieden, sucht unsere Aufmerksamkeit die in sich ruhende Lebensenergie auf, wie ein Schwarm scheuer Vögel sich auf einem See niederlässt.

Wenn es einen Sinn im Leben zu finden gibt, ist es wohl der Erlangung der Herrschaft über die Aufmerksamkeit. Wenn wir sie in Stille auf unseren inneren Körper richten, der wir sind, erwirbt er die Zeitlosigkeit eines Urbildes. Wenn wir sie im Denken auf unseren Körper richten, den wir haben, scheint der einzige Sinn des Lebens der Versuch, ihn möglichst lange zu bewahren. Die Jagd nach Ressourcen und Macht beginnt. Zwischen diesen beiden Wahrheiten ist unser Leben aufgespannt.

Diese beiden Pole bestimmen auch den gesellschaftlichen Diskurs: Wird der Mensch als Wesen mit einer inneren Qualität aufgefasst, die es zu entwickeln gilt, sollte die GESELLSCHAFT jedem ein Lernfeld anbieten, das ihn auf seinem Entwicklungsstand abholt und Anreiz zur Entwicklung bietet. Dies führt zur Idee der Chancengerechtigkeit und zum Zulassen von Unterschieden, wird jedoch zur Legitimation von menschenverachtendem Sozialdarwinismus missbraucht.

Wird der Mensch als fertiges biologisches Wesen aufgefasst, dass wie ein Alpha-Wolf um Macht und Ressourcen kämpft, muss die Gesellschaft für eine Verteilungsgerechtigkeit sorgen. Diese Art von Gerechtigkeit führt zur Idee der Gleichheit und wird vom menschenverachtenden Kommunismus missbraucht.

Die Konfliktlinie verläuft jedoch nicht zwischen Staat und Wirtschaft. Eine moderne Gesellschaft sollte im Zusammenspiel aller ihrer Institutionen beiden Aspekten ausgewogen Rechnung tragen können.
Voraussetzung für Fairness und für das Gelingen dieses Weges ist die Anerkennung regionaler kultureller Wurzeln der bestehenden Gemeinschaften sowie das Anstreben des Gleichgewichtes (nicht die Gleichmacherei) zwischen Mann und Frau.

Ein Begriff unserer modernen Gesellschaft ist die sogenannte „Subjektive Wahrheit“. Dieser Begriff wird verwendet, um unsere innere Freiheit und Würde zu begründen, als wären wir Menschen nicht die Repräsentanten selbst gewählter Regeln und an diese gebunden. Wahrheit ist in ihrem Wesen immer universell. Unsere Irrtümer mögen individuell sein. Unsere Würde ist nicht in unseren individuellen Irrtümern sondern in unserer Verbindung mit der universellen Wahrheit begründet.

In unserem Modell soll ein Kriterium der Wahrheit ihre praktische Anwendbarkeit sein. Darum soll es in den folgenden Kapiteln gehen.


1 Im Grunde repräsentieren die beiden Weltsichten die doppelte Selbstabbildung des Bewusstseins- siehe Fußnote 15

2 Diesen Anspruch hatte das Kap. 5 nicht

14. Die Spiegelung 16. Das Tiefschlaf-Problem