1. 25. Die Entscheidungsfalle

Der Impuls der Aktivität fließt in unserem Modell von Reich zu Reich. Die Dynamik des Flusses ist dabei nicht konstant. In der Phase 3 eines jeden Reiches, in der alle Optionen der Problemlösung den Möglichkeiten ihrer Konkretisierung gegenübergestellt werden, stockt oft der Prozess. Der nächste Schritt wäre die Entscheidung einer Konkretisierungsoption und der erste Schritt in das darunter liegende Sub-Reich in Phase 4:

Will man wirklich eine Sprosse hinabsteigen in die dichteren Energien und sich unter das Gesetz eines Sub-Reiches begeben? Muss man seine Persönlichkeit ausdrücken? Will man seine Bestimmung leben? Muss die Firma gegründet, das Haus gekauft, der Aufstieg auf der Karriereleiter in Angriff genommen werden?

Ohne Entscheidung würde eine Inversion ausgelöst werden, die den Konflikt durch Ausbalancieren der vorgelagerten Reiche lösen könnte. Wäre das nicht eine echte Persönlichkeitsentwicklung, die in den Frieden führen würde?

Jede Entscheidung ist ein Übergang von Phase 3 zu Phase 4, d. h. eine unumkehrbare Selektion einer Option aus einer Wolke von Möglichkeiten.

Jede Entscheidung ist schwer und hat oft existentielle Auswirkungen im betroffenen Sub-Reich. Hat man sie getroffen, fühlt man eine Erleichterung. Aufgestaute Energie verlässt das Reich der jeweiligen Phase 3. Spannung weicht dort der Entspannung. Die Energie verlässt den Status der Potenz und fließt im jeweiligen Sub-Reich weiter in die Konkretisierung, bildet neue Bahnen und Formen.

Dieses Gefühl führt in die Entscheidungsfalle. Es markiert die „Sollbruchstelle“ zwischen den Reichen, den Grund, warum die Balance der Reiche so oft außer Kontrolle gerät.

Eine Konkretisierung des Widerspruchs ist natürlich mit der Entscheidung in Phase 4 nicht automatisch erfolgreich. Erst wenn die Widrigkeiten des Sub-Reichs in Phase 5 berücksichtigt und die in Phase 4 vermutete Konkretisierung in Phase 6 erreicht ist, kann die betreffende Entscheidung als richtig gelten. Die Aufmerksamkeit sollte also dem Impuls der Aktivität folgen und die Phasen des Sub-Reiches begleiten um ggf. die Entscheidung auf Grund neuer Fakten zu revidieren. Das jeweilige Sub-Reich ist aus Sicht des Reiches, in dem die Entscheidung getroffen wird, nicht komfortabel. Die Energien sind dichter, die Gesetze härter. Eine Entscheidung zu treffen ist das eine, die Konsequenzen zu tragen oder zu kontrollieren ist etwas anderes. Andererseits sucht die fließende Energie Bahnen, die den Regeln des Sub-Reiches entsprechen. Im Kapitel 18 hatten wir schon gezeigt, dass an dieser Stelle systematisch Probleme entstehen.

Bei der Legitimation von Institutionen durch die Gemeinschaft oder die Individuen ist das Problem ähnlich. Eine Wählerstimme abgeben ist leicht. Politisches Engagement überlassen wir Anderen: „Sollen die sich die Hände schmutzig machen“. Welche Dynamik Institutionen mit unserer Legitimation entfalten, schauen wir uns dann staunend im Fernsehen und auf unseren Kontoauszügen an. Auch Institutionen machen immer wieder diese Fehler. Sind erst die Generäle ernannt, die Armee ausgerüstet, ist der Einsatz der Waffen kaum noch aufzuhalten. Die Gesetze des Krieges beginnen schon mit der Entscheidung, eine „robuste“ Verteidigung oder eine harmlos klingende „Flugverbotszone“ zu organisieren oder Listen aufzustellen, die definieren, was „Fake-News“ sind.

Alle diese Probleme entstehen nach diesem Modell systematisch durch mangelnden Kontrollwillen der Entscheidungsträger, der immer auch eine Revisionsbereitschaft eigener Entscheidungen und eigener Überzeugungen voraussetzt. Im Mikrokosmos der Psychologie sehen wir ein ähnliches Bild. Unsere Berufswünsche, gut geeignet, um je nach Ansatz als Bestimmung unsere Persönlichkeit auszuleben oder unsere Defizite zu kompensieren, erweisen sich in der Durchführung im Reich der RESSOURCEN als falsch gewählt und kaum zu korrigieren. Gute Vorsätze der Person in uns scheitern am mühsamen Weg, im nachgeordneten Reich der REGELN zu unserer Bestimmung zu werden.

Die Entscheidung, das eigene Haus zu bauen wird getroffen, die Ausführung delegiert (wer will sich schon mit Bau-Details befassen) und man träumt weiter sein Urbild eines Hauses im Reich der REGELN, während die Baufirma dabei ist, einen Albtraum von einem Haus im Reich der RESSOURCEN zu realisieren.

Im Prinzip sind alle entschiedenen oder zugelassenen Energiebahnen in Sub-Reichen „Dämonen“ im Sinne abgeschiedener, autonom ablaufender Prozesse, die sich von der Energie der jeweils primären Reiche ernähren. Das Autofahren ist ein solcher Prozess, aber auch jede Gewohnheit der Energieabfuhr durch Drogen oder Sex, die Entscheidung einer sozialen Norm, die Gründung einer Institution, die Idee für ein Projekt. Sie sind im Moment ihrer Erschaffung nützlich und solange, wie sie gelenkt werden können. Durch die in ihnen fließenden Energien besitzen sie jedoch eine hohe Selbstbewahrungstendenz und binden uns auch auf unseren höheren Existenzebenen. Aus dem Diener wird dann der Herr. Dämonen zu verändern oder aufzulösen bedarf daher eines hohen Einsatzes von Aufmerksamkeit, Energie und Opferkraft. Der Zauberlehrling versagt hier systematisch. Der Abstieg auf der „Himmelsleiter“ ist leicht getan und schwer zu kontrollieren. Der Aufstieg ist mühsam, solange man nicht loslassen kann. Eine permanente Präsenz in allen Reichen erfordert unsere stete Herrschaft über unsere Dämonen.

So wie individuelle Dämonen die Tendenz haben, uns nach den Regeln ihrer jeweiligen Reiche spielen zu lassen, wirken auch die kulturellen Dämonen der Institutionen zurück auf die Gemeinschaften und zwingen ihnen ihre Regeln auf. Der evolutionäre Erfolg von Hochkulturen beruht auf der Kollektivierung ihrer individuellen Ressourcen – oft ohne Rücksicht auf die erforderliche Reproduktion dieser Ressourcen. Solange Expansion diesen Raubbau ausgleichen kann, kann das Feuer der Hochkultur brennen.

Nur derjenige Mensch, der das Instrument der Aufmerksamkeit beherrscht, Identifikationen schaffen sowie auflösen kann und die Reiche und ihre Gesetze kennt, bewegt sich nach Belieben auf den Stufen der „Himmelsleiter“, beherrscht die Dämonen der unteren Reiche und findet sein Selbst.

Nur die Kulturen, die ihre Ressourcen reproduzieren können, überleben dauerhaft.

Nur die Gemeinschaften, die die Dämonen ihrer Institutionen kontrollieren können, haben Bestand.

24. Weitere Anwendungsmöglichkeiten 26. Die Achse der Vollkommenheit