26. Die Achse der Vollkommenheit
Grundlage dieses Prozessmodells ist die Konkretisierung von Möglichkeitsfeldern in untergeordneten Reichen. Die in den Sub-Reichen entstehenden dynamischen Strukturen wirken auf die Ur-Bilder der vorgelagerten Möglichkeitsfelder zurück und stabilisieren sie in einer Form, die einer Balance der Grundwidersprüche näherkommt.
Im Zusammenspiel von aktiven absteigenden Dynamiken, aufsteigenden passiven Dynamiken und Inversionswellen verfeinern sich die Strukturen der Welt mehr und mehr in Richtung einer besseren Balance der Widersprüche und zu höherer Komplexität und Harmonie. Dieser Prozess hat kein Ende – es lassen sich jedoch in jedem Reich Ideale beschreiben, die als höchster Ausdruck erreichbarer Harmonie gelten können. Diese Ideale werden in jedem Reich jeweils durch die entsprechenden Elemente der Lösungsfelder auf den Positionen der „3“ repräsentiert1.
Im Reich des FELDES wäre dieses Ideal ein Kampf um die gleichzeitige Maximierung von Universalität und Konkretheit, der wie ein ewiger Tanz der Beteiligten keinen Sieger und keinen Besiegten kennt, wohl aber eine „Organbildung“ durch Arbeitsteilung oder sich ergänzende Kulturen. Sichtbar wäre ein Schwingen um eine Balance wie wir es aus Ökosystemen kennen. Der Abgleich zwischen den Beteiligten muss kein Kampf mit physischen Waffen sein, sondern kann mit den Mitteln der Drohung, der Versuchung und der Phantasie stattfinden. Wir erleben ihn dort, wo kulturelle bzw. wirtschaftliche Relevanz durch die Macht verführerischer Fiktionen begründet werden kann.
Im Reich der GESELLSCHAFT ist das Ideal die vollkommene Institution. In der Offenbarung des Neuen Testamentes wird die Vision des Himmlischen Jerusalem beschrieben. Diese Stadt als Sinnbild von Zivilisation und Institution steht dem naturnahen Bild des Menschen im Paradies am Anfang der Bibel gegenüber, als wenn uns die Bibel den Weg aus der GEMEINSCHAFT mit der Natur in eine harmonische institutionelle GESELLSCHAFT aufzeigen will. Wir müssen anerkennen, dass wir uns eine Zukunft ohne eine globale, friedliche Zusammenarbeit nicht vorstellen wollen. Auch wissen wir ziemlich genau, wie eine optimale Organisation auszusehen hat, die dem Menschen Raum zum Atmen lässt, seine Fähigkeiten organisiert und ihn notfalls vor sich selber schützt. Doch wir wissen den Weg dorthin nicht. Dieses Modell hat immerhin einen Vorschlag: Die kontinuierliche Ermächtigung der Individuen und der GEMEINSCHAFT zur Legitimation und Kontrolle der Institutionen ist der Schlüssel zu einer Gesellschaft, die nicht der Versuchung erliegt, die negativen Eigenschaften der Individuen oder GEMEINSCHAFTEN zu kollektivieren oder gar die institutionelle Macht durch nicht legitimierte Gruppen zu missbrauchen. Als Organ dieser Ermächtigung könnte ein Ethikrat eingesetzt werden, der mit Mitteln moderner Informationstechnologie die Teilhabe von Individuen an Werteentscheidungen organisiert.
Auf der Ebene der GEMEINSCHAFTEN ist das Ideal die Verwirklichung vollkommener Moral. Da sich Menschen immer auf unterschiedlichen Stufen der Moralentwicklung befinden, stellt sich die Frage nach moralischer Autorität. Diese wäre geeignet, die Widersprüche zwischen individuellen und gemeinschaftlichen Interessen unter Berücksichtigung unterschiedlicher Entwicklungsstände zu lösen, ohne die Hilfe von Institutionen in Anspruch zu nehmen. Anerkannte moralische Autoritäten würden auch bei der erforderlichen Kontrolle der Institutionen eine Rolle spielen können. Um auf diesem Weg weiter zu kommen, müssen wir Autorität wieder als etwas Positives wahrnehmen – als potentiell ordnende Macht, die nicht von einem Amt verliehen, sondern von der Präsenz des Trägers der Autorität in den reellen Reichen bestimmt wird. Im Lichte von echten Autoritäten richten sich individuelle Antriebe so aus, dass diese nicht im Widerspruch zu den Interessen der GEMEINSCHAFT stehen, sondern Erfüllung im Dienst der Gemeinschaft suchen. Dieser Gedanke ist uns heute nur deshalb so fremd, weil junge Menschen in der Vergangenheit durch Autoritäten in Kriegen missbraucht, durch unsere Bildungs- und Wirtschaftssystem verstümmelt oder sich selbst überlassen wurden.
Vollkommenheit im Reich der RESSOURCEN äußert sich in der Natur, im menschlichen Körper und in der biologisch verbundene Gemeinschaft der Familie. Die Akzeptanz der gegenseitigen Verbundenheit von Mann, Frau und Kind sowie der Abhängigkeit vom eigenen Körper und seinen Gesetzen macht den Menschen frei. Freiheit lässt den Körper als Abbild seines Urbildes im Reich der REGELN leben, aus dem er sich speist und in das er nach dem Tod eingeht. Freiheit heißt aber auch Beherrschung des Denkens, der mit den Gedanken verbundenen Gefühle und der subjektiven Zeit. Ein so vervollkommneter Mensch taugt dann als Autorität im Reich der GEMEINSCHAFT.
Im Reich der REGELN ist das Gesetz das Ideal. Als Naturgesetz verbindet es den Makrokosmos und den Mikrokosmos auf eine Weise, dass ein harmonisches Universum als Bühne für das Leben möglich ist. Als Lebensgesetz oder Bestimmung ordnet dieses Ideal den Weg des Ausdruckes der Identität und der Interessen unserer Persönlichkeit in unserem konkreten Umfeld.
Dazu gehört auch die bestimmungsgemäße Bindung an die Menschen, denen wir begegnen (nicht an alle Menschen der Welt mit ihren abweichenden Bestimmungen). Eine vollkommene Annahme unserer Bestimmung ermöglicht uns, genau die Erfahrungen zu machen, die zu einem Ausgleich unserer Persönlichkeit erforderlich sind. Sie lässt uns aus dem inneren Energiefeld unseres „geistigen Leibes“ heraus handeln, dessen Ort das Reich der REGELN ist. Wir gehen uns nicht mehr verloren.
Die Bestimmungen der Menschen sind vernetzt wie die sozialen Normen der Moral, das FELD und die Elemente der EXISTENZ, während Personen, Körper und Institutionen zentriert sind. Dieser Wechsel zwischen Zentriertheit und offener Vernetzung rührt aus dem Rhythmus der „2“, der die Kette von verbundenen Reichen prägt.
Die Kindschaft ist das Ideal im Reich der PERSONALITÄT. Sie ist universell genug, die Polarität von Mutterschaft und Vaterschaft zu überbrücken, rein und offen für alles Kommende. Den Status der Kindschaft wieder zu erlangen ist zentrales Element insbesondere der christlichen Religion. Das Geheimnis der Kindschaft ist so tief, weil es auf eine bestimmte Weise das SEIN im Reich der PERSONALITÄT aufleben lässt - über den Graben des Reiches der EXISTENZ hinweg.
Im Buddhismus gibt es die Geschichte des Mannes, der über das ICH als einen Tropfen meditiert, der sich im Ozean auflöst. Der Sohn des Mannes war bereits erleuchtet und hoch erfreut, als sein Vater zu ihm kam und sagte: „Ich habe den Tropfen gesucht, der in den Ozean fällt. Nun ist der Ozean in den Tropfen gefallen.“
Das Christentum kennt das Gleichnis vom Senfkorn:
„Er aber sprach: Wem ist das Reich Gottes gleich, und wem soll ich's vergleichen? Es ist einem Senfkorn gleich, welches ein Mensch nahm und warf's in seinen Garten; und es wuchs und ward ein großer Baum, und die Vögel des Himmels wohnten unter seinen Zweigen.“ (Lukas 13.19)
In der Kindschaft beantwortet sich die Frage nach dem, der da lacht, wenn wir über uns selbst lachen können. Es ist unser inneres Kind auf der Ebene der PERSONALITÄT, das über unsere Identifikation mit unserem Leben unter dem selbst gewählten Gesetz lacht. Für Kinder ist und bleibt eben alles ein Spiel.
Das Ideal des Reiches der EXISTENZ findet sich im Bleiben. Auch wir Menschen bevorzugen in unseren moralischen Erwägungen die Aufrechterhaltung des Bestehenden gegenüber den Optionen der Zerstörung und des Schaffens von neuem. Wir spüren: Bleiben ist der ultimative Preis im Spiel des Lebens in jedem seiner Reiche. Wir selbst sind der Beweis, dass das Spiel funktioniert.
1 Sie sind daher auf jeder Ebene entsprechend der Qualität der 3 doppelt fragil: Wegen der horizontalen Balance der beiden ersten Triadenelemente und der Option der Konkretisierung auf dem Weg des Abstiegs in ein weiteres SUB-Reich.