1. 29. Die Ruhe des SEINS

Eine alte Frage der Religionen ist die Frage nach dem Willen Gottes. Diese Frage setzt voraus, dass dieser, oder das ruhende SEIN, wie wir die Kategorie Gottes in diesem Buch nennen, einen Plan mit der Welt hat. Sie geht davon aus, dass der ruhende Gott mit dem Gott der Schöpfung identisch ist. Nach diesem Modell ist das nicht der Fall.

Es tritt etwas aus dem ruhenden SEIN heraus, das wir EXISTENZ nennen und sich zu den weiteren Reichen entfaltet. Dieses Heraustreten berührt die RUHE des SEINs nicht. Seine Form ist gegenüber dem Licht des SEINs wie ein Schatten, weil in einer Welt der Binnendifferenzierung jede Form durch partielles „Wegnehmen“ vom Ganzen entsteht. Was wir als wachsende Formenvielfalt wahrnehmen, gleicht einer Eisblume am Fenster, die sich innerhalb des dort kondensierten Wassers bildet.

Die Schattenhaftigkeit und Unvollkommenheit der Welt zieht sich durch die Reiche und verstärkt sich von Reich zu Reich. Aus der lichten Potenz des SEINs zum Hervorbringen, zum erkennenden Schauen und zur Entscheidung werden in der EXISTENZ die dynamischen Qualitäten des Werdens, Vergehens und des Bleibens. Jede Persönlichkeit besteht aus einer Zusammensetzung dieser drei Qualitäten. Ihre Balance bestimmt die Gesetze unserer Bestimmung, unseres Körpers und unseres Denkens. Jede der drei Qualitäten bindet uns an die EXISTENZ:
die Leidenschaft des Werdens, die Finsternis des Vergehens, die Güte des Bleibens.

Güte, Leidenschaft und Finsternis … sie fesseln im Leibe die unvergängliche Seele“ - Die Bhagavadgita

Jede Tat entspringt den drei Qualitäten und erzeugt weitere Fesseln - solange wir an den Früchten der Tat „anhaften“, wie die Bhagavadgita es nennt. Wenn aber die EXISTENZ, deren Wesen aus diesen drei Qualitäten besteht, aus dem Frieden des SEINs hervorgegangen ist - wo hat sich der Fehler eingeschlichen, der uns leiden lässt? Wer trägt die Schuld?

Die Antwort nach diesem Modell ist:

Nicht Gott hat die Welt und uns geschaffen und ist nun für sein Werk verantwortlich, sondern wir selbst1 haben uns von Gott entfernt, wie ein Kind, das laufen lernt. Wir selbst sind die EXISTENZ2, die sich innerhalb der RUHE des SEINs abgrenzt, um aus den Potenzen des Werdens, des Vergehens und des Bleibens ein dynamisches Spiel zu machen. Gott sieht uns zu und wartet, bis wir zu ihm zurückkehren und Frieden finden, wie ein Kind nach seinem ersten Ausflug auf eigenen Beinen beschmutzt aber glücklich in die Arme der Mutter zurückkehrt.
Wir selbst sind die Schöpfer, die Richter, die Bewahrer und gleichzeitig die Bewohner der von uns selbst geschaffenen Welt3. Wie könnte es anders sein? Unsere Verantwortung für uns und die Welt und unsere Verbundenheit miteinander und mit der Welt sind die Ursache und der Sinn von Gerechtigkeit, Karma, Sünde und Vergebung. Deshalb sagt Jesus: Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst.

Gott ist also nicht tot, sondern hat uns in unsere Freiheit und Verantwortung ziehen lassen, die wir wollten. Er bleibt, wie er war und wartet auf unsere Heimkehr, die uns den Frieden gibt und Gott die Frucht der von uns gesammelten Erfahrung. Das erste Ziel auf dem Heimweg ist die Erfahrung des immanenten SEINs im Reich der RESSOURCEN: Die bewusste Bewohnung unseres Körpers. Der Frieden erwartet uns nach Aufgabe der EXISTENZ im transzendenten SEIN.

Wenn in besonderen Momenten die drei Elemente der EXISTENZ ausgeglichen sind und sich das Tor zum SEIN öffnet wie das Auge des Hurrikans, scheint das Licht des SEINs in das Reich, das wir gerade bewohnen und veredelt es. Es scheint uns, als würde Gott unsere speziellen Wünsche bestätigen und uns Erfolg verheißen. So kommt es, dass wir Gottes Segen immer durch die Brille unserer Identifikationen in den beschriebenen Reichen wahrnehmen und unsere Absicht als die Absicht Gottes deuten: der Sieg in der Schlacht, das Wohlergehen der Nachkommen, der Erfolg des Projektes, die Heilung von Krankheit…
Doch Gott verteilt keine Geschenke, er verschenkt sich immer nur selbst und ganz. Er repariert keine Verletzungen sondern schenkt Heil. Da wir uns aber selbst von ihm fort - die „Himmelsleiter“ hinab begeben haben, liegt es nun an uns, dieses Geschenk anzunehmen. Wenn es einen Willen Gottes gibt, dann ist es wohl der, dass wir den Weg zu ihm zurück finden, wenn wir bereit dazu sind.


1 Unser Selbst im Reich der PERSONALITÄT, wo es im metaphysischen Sinn auch die Regeln des Universums definiert

2 Die Wurzeln unserer Personalität in der überpersönlichen Wesenheit des Bleibens und der Werte

3 Im psychologischen sowie im metaphysischen Sinn

28. Die Suche nach dem Glück 30. Der Garten