Wir haben die sieben Reiche betrachtet, die wir bewohnen. Die Reiche bauen aufeinander auf und sind nach unterschiedlichen Prinzipien organisiert. Sie realisieren Widersprüche, die sich in weiteren Reichen konkretisieren. Die Reiche bilden die Sprossen einer „Himmelsleiter“, auf denen wir Menschen uns mit der Methode der Identifikation positionieren, herauf- oder hinabsteigen. Wir bestimmen unsere vorherrschende Position auf dieser Leiter selbst, hier und jetzt. Die Rückkehr zum Ursprung erfolgt durch Lösen der Identifikation mit den Reichen:
Sind
wir uns unserer Gedanken bewusst, sind wir nicht das Denken.
Sind
wir uns unseres Körpers bewusst, sind wir nicht unser Körper.
Sind
wir uns unserer Bestimmung bewusst, fesselt sie uns nicht.
Sind
wir uns unserer Identität bewusst, können wir auch unsere
Persönlichkeit in Liebe loslassen.
Wie ist nach unserem Modell aber der spontane Ausstieg aus allen Identifikationen zu erklären, wie er von vielen, wenn auch oft nur temporär, als spirituelle Erfahrung erfahren wurde?
Wie im Kapitel über das SEIN beschrieben, kann sich das Bewusstsein auf beiden Seiten einer geschlossenen, selbstbezüglichen Form fokussieren: Als selbstzentriertes ICH-Bewusstsein, abgeleitet und eingeschlossen von der Form oder als SELBST-Bewusstsein, die Form umhüllend. Beide Bewusstseinsformen sind in Menschen aktiv. Während das ICH-Bewusstsein keinen Ausweg aus der Blase finden kann, kann das SELBST-Bewusstsein erkennen, dass es ein an der Form anhaftender Teil des formlosen SEINs ist.
Um ein anders Bild zu gebrauchen: Wir sind mit dem Goldfisch im Glas identifiziert und gleichzeitig der betrachtende Mensch außerhalb des Glases. Für das SELBST-Bewusstsein ist eine Drehung der Betrachtungsrichtung genug, um die Identifikation zu lösen. Als Fisch sehen wir in allen Richtungen nur unser eigenes Spiegelbild.
In
Nahtoderlebnissen oder Extremsituationen lassen wir spontan die
Identifikation mit dem ICH-Bewusstsein los. In meditativen Übungen
üben wir eine Verschiebung des Fokus durch den Körper und seine
Formen und Sinne hindurch zum Bewusstsein unseres SELBST, das in
Verbindung mit dem formlosen SEIN ist. Die dabei auftretenden
Widerstände haben ihren Ursprung in unserer Verhaftung in den
Reichen.
Christus lädt uns ein, den geheimnisvollen Weg der
Kindschaft
zum SEIN zu gehen.
Wir
wissen, alle Gedankenbilder diese Buches sind Simulationen unseres
Denksinns – mit dem Wunsch, die Welt zu verstehen. Woher kam das
Gefühl, dass unsere Gedanken etwas mit der Wahrheit zu tun haben
könnten? So wie das Wort „Honig“ solange einen Sinn hat, wie wir
uns an seinen Geschmack erinnern, so hat auch ein Gedanke Sinn, wenn
er auf eine lebendige Idee verweist, wenn wir ihn als Anleitung zum
Handeln schätzen und ihn nicht mit der Wirklichkeit verwechseln. Wie
dieses hier vorgestellte Modell sind viele andere Modelle und
Theorien denkbar. Sie haben ihre Berechtigung, solange sie in sich
kohärent sind, in der Welt als Werkzeuge zum Handeln anwendbar sind
und nicht missbraucht werden. Solange Weltbilder unsere gemeinsame
Verbundenheit mit dem SEIN als Wert ernst nehmen, sollten sie uns
nicht in die Irre leiten.
Dieses Buch beschreibt eine Theorie.
Ohne Praxis ist jede Theorie nutzlos. Wer eine Praxis der Rückkehr
zum SEIN ohne esoterisches Beiwerk sucht, sei nochmals auf Eckhart
Tolle verwiesen. Da das SEIN nach Eckhard Tolle wie auch in diesem
Buch als Bewusst-SEIN verstanden wird, stehen wir als Menschen jedoch
immer bewussten Wesenheiten gegenüber, sind aus ihnen entsprungen
und in sie eingebettet. Um die Wieder-Verbindung (Re-ligion) zu
diesen bewussten Wesenheiten zu erreichen, stehen die in den
Religionen, insbesondere im Christentum, beschriebenen Wege zu
Verfügung.
Nun ist es Zeit, vom Baum des Denkens
herabzusteigen. Der Weg hinab ist leicht zu finden. Wer schon mal
einen Baum bestiegen hat weiß: Nicht der Kopf führt uns zurück zum
Boden, sondern das Gefühl in unseren tastenden Füßen. Am Boden
angekommen, können wir mit der gewonnenen Übersicht unseren Weg
fortsetzen. Wir wissen, bei allen Lebensentscheidungen haben wir die
Möglichkeit, uns unserem Ursprung zu wieder zu nähern oder uns
weiter zu entfernen. Führt die Entscheidung zu größerer Erregung,
entfernen wir uns. Verspricht die Entscheidung mehr Frieden, nähern
wir uns dem SEIN. Wir können uns aber auch schweigend in den Garten
unseres Hauses setzen und den Düften der Geheimnisse nachspüren,
die den Blüten des Lebensbaumes entströmen - des Baumes, dessen
Wurzeln in das SEIN tauchen.1
1 Die Schlittenhunde des Verstandes haben die Fische verspeist und lagern friedlich vor dem Haus